7. Die neutrale Zone

Die Bedeutung der neutralen Zone und der Erfahrung der Leere So können Sie die Zeit in der neutralen Zone für sich nutzen Die Neutrale Zone –das Scharnier dazwischen


Die Bedeutung der neutralen Zone und der Erfahrung der Leere

Die neutrale Zone ist die Zeit, der mittlere Abschnitt zwischen dem Alten, das vorbei ist, und dem Neuen, das sich noch nicht abzeichnet. In anderen Zeiten und an anderen Orten verließ ein Mensch im Übergang sein Dorf und ging an einen ihm fremden Ort im Wald oder der Wüste. Hier blieb er eine Zeit, gelöst aus den alten Bindungen, beraubt der alten Identität und gewohnten Realität. Dies war eine Zeit „zwischen den Träumen“, in der das fundamentale Chaos des Anfangs der Welt hervorbrach und alle bestehenden Formen auslöschte, ein leerer Raum in der Welt und dem Leben, in dem sich ein neuer Sinn für ein Selbst entwickeln konnte.

In der modernen Welt ist die Wertschätzung für dieses Loch in der Kontinuität der Dinge verloren gegangen. Heute bedeutet Leere nur das Nichtvorhandensein von etwas und so versuchen viele so schnell wie möglich, diese Lücken zu füllen. Wo Nichts ist, da kann nichts Wichtiges sein oder geschehen. Eine ganze Ablenkungs- und Unterhaltungsindustrie lebt davon, um so etwas wie die Erfahrung von Leere überhaupt nicht erst aufkommen zu lassen.

Auch wenn der direkten Erfahrung der neutralen Zone keine Wertschätzung zu Teil wird und jemand dagegen Widerstand leistet, so finden sich dennoch ohne es zu wollen und zu wissen immer dann Elemente davon im Verhalten, wenn sich ein Mensch zurückzieht und Zeit alleine zubringt. Für das Umfeld ist dieser Rückzug manchmal genauso schwer verständlich und nachvollziehbar wie für den Betreffenden selbst. Auch die Erklärungen der Betroffenen für ihr eigenes Verhalten klingen häufig nicht sehr überzeugend, zumal sie sich in der gegebenen Situation selbst nicht so ganz verstehen und die Bezugspersonen in der Folge ganz andere Motive dahinter vermuten als die, die der Betreffende angibt.

Zeiten des Übergangs sind Krisenzeiten. Gibt es Möglichkeiten diese zu vermeiden oder wenigstens abzukürzen? Wozu soll das Ganze gut sein? Die neutrale Zone hat die Bedeutung eines Moratoriums, eines Innehaltens hinsichtlich der künftigen Gestaltung des Lebens von einem gegebenen Zeitpunkt aus betrachtet. Nur in scheinbar mit zielloser Aktivität verbrachter Zeit ist es möglich, die bedeutsame innere Arbeit in Richtung einer Selbst-Veränderung zu leisten. So vollzieht sich die grundlegende Sache der neutralen Zone: in achtsamer Inaktivität und gleichförmiger Routine.

In den tradierten Übergangsritualen alter Zeit wurden die Menschen angeleitet, was in diesen natürlichen, aber geheimnisvollen Fugen eines Lebens zu tun ist. Sie nutzten die Hilfe von Traumfiguren und Symbolen. Sie lernten Techniken, sich in Trance zu versenken, fasteten oder setzten sich in die Schwitzhütte. Dies geschah immer unter einer Anleitung. Der Sinn dieser Führung war es, zu helfen, die dabei gemachten Erfahrungen eines anderen Levels von Realität einzuordnen und nicht nur Verstörung und Angst zu hinterlassen. Aber auch moderne Menschen berichten von vergleichbaren Erfahrungen während ihrer Zeit in der neutralen Zone. Die alten Techniken zur Veränderung des Bewusstseins in den Übergangsritualen schufen ja auch keine veränderte Realität, sondern vergrößerten oder verstärkten nur die natürliche Tendenz, die Welt auf eine andere Art zu sehen, während man sich in einer Fuge zwischen zwei Lebensphasen befand.

Durch die Erfahrung „in der Wildnis“, durch die Entkräftung durch Fasten und Müdigkeit, durch das Unterdrücken des gewohnten Bewusstseinszustandes durch Singen und Tanzen, durch die Erzählung mythischer Geschichten und durch symbolische Handlungen, wurden die Menschen aufgeschlossen für die transformativen Erfahrungen der neutralen Zone. Für uns ist diese Erfahrung im besten Fall eine, die wir nutzen können oder auch nicht. Eine zusätzliche Schwierigkeit ist es, dieses Erleben anderen sprachlich mitzuteilen. Für viele ist dies eine Erfahrung der Leere, in der es nichts Festes mehr gibt. Tolstoi schreibt: „Ich fühlte, dass etwas in mir zerbrochen war, etwas auf dem mein Leben immer ruhte, dass ich nichts mehr hatte, an dem ich mich festhalten konnte und dass mein Leben in einem gewissen Sinne aufgehört hatte.“ Angenommen, Tolstoi wäre mit diesen Gedanken zu einem Therapeuten gegangen und dieser hätte vielleicht gefragt: „Wie laufen die Dinge zwischen Ihnen und Ihrer Frau?“ Oder er hätte vielleicht eine depressive Episode diagnostiziert und ein Antidepressivum verordnet?… Wäre dies dem inneren Prozess gerecht geworden, indem sich der Schriftsteller zu diesem Zeitpunkt befunden haben mag? Es gibt eine Form von Wissen und Werkzeugen, Anleitung und Ritualen, das vielleicht die Stammes-Ältesten in früheren Gesellschaften hatten.

Es geht hier aber nicht darum, dies zu verklären, sondern darum, dieses Erbe, dessen Spuren auch der moderne Mensch noch in sich trägt, wieder zu entdecken und zu nutzen. Wir müssen heute unsere eigenen, in die Zeit passenden Instrumente entwickeln.

Die wichtigste Bedeutung allen Handelns und Agierens in der neutralen Zone ist die Kapitulation vor und die Hingabe an die Leere. Damit hört auch der Kampf auf, sich dagegen zu wehren, um der Situation eventuell doch noch zu entkommen, was nur eine Neuauflage des Alten zur Folge hätte.

Es gibt drei gewichtige Gründe für die Leere zwischen altem und neuem Leben: Zum einen ist der Transformationsprozess mehr ein Prozess zwischen einem symbolischen Tod und der Wiedergeburt als einer der Verhaltensmodifikation. Mircea Eliade: „Für archaische und traditionelle Kulturen ist die symbolische Wiederkehr des Chaos unverzichtbar für alles Neue.“ Es ist dies der Zustand reiner Energie, zu dem jeder Mensch, jedes System für jeden wirklich neuen Anfang zurückkehren muss. Nur aus der Perspektive des Alten ist dies zum Fürchten.

Die zweite Bedeutung der Fuge zwischen altem und neuem Leben sind die Prozesse der Auflösung und Reintegration als Ursprung der Erneuerung. Nur durch die zeitweilige Rückkehr zur Formlosigkeit reiner Energie kann eine Erneuerung stattfinden: Wir brauchen dies, wie ein Apfelbaum den Winter.

Zum dritten brauchen wir die Leere zwischen den Abschnitten unseres Lebens wegen der Perspektive auf die Realitäten unseres Alltags, die sie uns liefert. Die gewöhnliche Realität sieht aus dieser Perspektive wie eine Illusion aus, transparent und substanzlos. Diesen Blickwinkel gibt es sonst nirgendwo im Leben und er ist für das weitere Leben eine Quelle von Erfahrung und Erkenntnis.


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So können Sie die Zeit in der neutralen Zone für sich nutzen

Hier einige praktische Hinweise, wie Sie die Zeit in der neutralen Zone nutzen können:

  • Akzeptieren Sie die Notwendigkeit, sich Zeit zu geben in der neutralen Zone.
  • Die Voraussetzung alles weitere ist es, die Situation so anzunehmen, wie sie ist. Verstehen Sie, warum Sie in dieser Situation sind und warum ihr Leben jetzt zu einem Stillstand gekommen ist. Nur so erschließt sich Ihnen der Sinn, der hinter dieser Erfahrung zu sehen ist.

    So gelingt es Ihnen auch, nicht in die Fallen und Schleifen eines schnellen Vorwärts und dann wieder Rückwärts zu geraten. Es ist eine große Versuchung, die Dinge beschleunigen zu wollen, aber wie jeder natürliche Wachstumsprozess hat auch dieser seine eigene Zeit. Eine Beschleunigung unterbricht nur die nach eigengesetzlichen Regeln im Inneren ablaufenden und ausformenden Prozesse und werfen einen dann zurück, um wieder von vorne anfangen zu müssen. Halten Sie sich beim Tempo an die Schildkröte und vergessen Sie den Hasen!

    Bleiben Sie aber gleichzeitig auch immer ein wenig in Bewegung, denn auch der Versuch, alles wieder zurück drehen und damit die Dinge rückgängig machen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Das Leben hat keinen Knopf, um es zurückzuspulen. Der Übergang, der dahin geführt hat, wo sich jemand gerade befindet, lässt sich nicht rückgängig machen. Diese Erfahrung wird bleiben und ich werde mich damit auseinandersetzen müssen.

  • Schaffen Sie sich eine regelmäßige Zeit und einen Platz, um alleine sein zu können.
  • Menschen im Übergang sind häufig noch involviert in alte Aktivitäten und Beziehungen und erhalten „Einladungen“, die noch zur alten Situation gehören, die aber für ihre sich gerade entwickelnden Bedürfnisse und Anforderungen bedeutungslos sind. Auch wenn Sie sich in dieser Situation sehr alleine und deshalb einsam fühlen und die Gesellschaft anderer suchen, es gibt die Notwendigkeit für ein echtes Alleinsein als eine Voraussetzung, dass sich Ihre inneren Signale selbst Gehör verschaffen können.

    In den alten Passage-Ritualen war die Erfahrung tiefer Einsamkeit, häufig in der Wildnis, ein Element: Jesus, Moses, Buddha verbrachten Zeit in diesem räumlich nicht festlegbaren Raum, einem Nirgendwo, das auch „heiliger Boden“ war. Auch ganz gewöhnliche Menschen, ohne dieses Wissen, ziehen sich häufig in Übergangszeiten ganz spontan zurück.

  • Schreiben Sie Ihr eigenes Logbuch mit Ihren Erfahrungen in der neutralen Zone.
  • Verloren in den Wogen der Ereignisse von Moment zu Moment driftend, ist es sehr schwer, die wesentlichen Erfahrungen in der neutralen Zone überhaupt zu erkennen. Oft entfaltet sich erst in der Rückschau ein Pfad durch das hohe Gras, der zum Zeitpunkt des Durchlaufens noch nicht sichtbar war.

    Es geht nicht um ein normales Tagebuch. Es geht um die Darstellung von Erfahrungen der Art: Welche möglichen Sichtweisen ein und derselben Situation gibt es? Was deutete sich an, was geschehen könnte oder sollte? Welche inneren Stimmen, Seiten haben sich zu Wort gemeldet? Worüber haben Sie nachgedacht, vielleicht sogar ohne dies wahrzunehmen? Was hat Sie zum Staunen gebracht. Welche verwirrenden oder ungewöhnlichen Dinge sind geschehen? Welche Entscheidungen wünschten Sie getroffen zu haben? An welche Träume erinnern Sie sich?

    Dies ist eine paradoxe Aufforderung, weil es in der neutralen Zone nichts gibt, was es aufzuschreiben wert wäre. Es geht darum, der Versuchung zu widerstehen, die Lösung all dessen von außen zu erwarten, und sich selbst stattdessen darin zu trainieren, den eigenen, inneren Prozess zu beobachten. Ralph Waldo Emerson sagte: „Die Beschaffenheit jedes Menschen ist die Lösung seiner Suche in Hieroglyphen. Er handelt auf seine bestimmte Art im Leben, bevor er selbst sein Handeln als Realität annimmt.“

    Wenn Sie Ihre Erfahrungen aufschreiben, werden Sie langsamer und müssen diese in Worte übersetzen. Und aus der Unschärfe Ihrer Wahrnehmungen, beginnen sich Gestalten zu formen. Erwarten Sie nichts Bestimmtes, nicht eine bestimmte Antwort auf Ihre Fragen.
    Vielleicht entdecken Sie, dass das Geschenk der neutralen Zone für Sie ein Platz am Rande der Arena ist, von wo aus Sie Ihren eigenen inneren Prozessen beim Verfertigen von „Realitäten“ zuschauen können. Und mit dieser Erfahrung werden Sie es in Zukunft schwieriger finden, sich selbst und Ihre Leiden zu ernst zu nehmen.

  • Nutzen Sie diese Unterbrechung im Fluss Ihres Lebens, um eine Autobiografie zu schreiben.
  • Warum eine Biografie? Manchmal wird erst in der Rückschau klar, wo es hin gehen soll oder wird. Auch scheint es leichter zu sein, etwas, das vorbei ist, loslassen zu können, wenn man es sich noch einmal in der Rückschau vergegenwärtigt hat und es in einen sinnvollen Zusammenhang gestellt hat. Weiter können die Erfahrungen vergangener Übergänge nützliche Informationen liefern und als Ressourcen Sicherheit im aktuellen Prozess geben. Möglicherweise erscheint auch die eigene Vergangenheit, so wie sie bis zu diesem Zeitpunkt erinnert wird, in diesem Lebensabschnitt als ein Artefakt aus einer anderen Zeit und kann in einem neuen Licht betrachtet werden.

    Was ein Mensch seine Vergangenheit nennt, ist ohnehin ein Teil seiner Gegenwart. Sie ist ein Konstrukt, seine Auswahl von Situationen, Bewertungen und Ereignissen entsprechend dem Zugang zur eigenen Geschichte, wie er in der Gegenwart aktuell ist. Die aktuelle Situation verleiht einer gegebenen Vergangenheit Sinn und eine bestimmte Vergangenheit suggeriert eine bestimmte Zukunft. Die Vergangenheit ist nichts Feststehendes, sondern Rohmaterial für jemand, der damit arbeitet (lebt). Die Geschichte und Geschichten neu zu erzählen, vielleicht mit neuen Informationen oder aus einem anderen Blickwinkel, kann dazu führen, sich leichter auf eine neue Zukunft einlassen zu können. Zudem erschließt die neutrale Zone neue Blickwinkel, da aus der Leere heraus kein Zwang besteht, die eigene Geschichte in einer ganz bestimmten Art und Weise zu sehen. Einmal angefangen, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten.

  • Nutzen Sie diese Gelegenheit, um herauszufinden, was Sie wirklich wollen.
  • Unter normalen Umständen denken wir eher: „Wenn ich nur …. könnte oder hätte.“ In Zeiten des Übergangs fallen viele der einschränkenden Bedingungen und Begrenzungen weg und wir denken nun: „Wenn ich nur wüsste, was ich wirklich will…“

    Was wir wollen, ist meist viel weniger klar, als wir annehmen, weil schon die Beschäftigung mit Wünschen und dem eigenen Wollen häufig mit Schuld und Ambivalenz behaftet ist: Das brauchst du nicht wirklich… Das Wollen sollen, was andere meinen, es wäre das Richtige, Gute, Beste… Später wirst Du erkennen, dass … Oder es ist die Enttäuschung, die wir erleben, wenn unsere Bedürfnisse und Wünsche missachtet werden und wir uns davor schützen, indem wir die Wahrnehmung unserer Bedürfnisse vor uns selbst abblocken (dissoziieren).

    Um sich mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen vertraut zu machen, hier ein kleines Experiment. Stellen Sie sich vor, Sie würden sich – ohne eine Beschränkung - etwas zu essen und zu trinken bestellen können. Sie fragen sich, was möchte ich jetzt im Moment wirklich essen und trinken? Nehmen Sie sich 1-2 Minuten Zeit. Vergessen Sie jetzt die Antwort und fragen Sie sich stattdessen, wie Sie auf ihre Antwort gekommen sind:

    Haben Sie Ihren Geschmack, Ihren Bauch, Ihren Appetit gefragt? Sind Sie die Frage angegangen wie eine Prüfungsfrage? Haben Sie sich verschiedene Menus vorgestellt oder haben Sie verschiedene Möglichkeiten gedanklich durchgespielt? Haben Sie in Ihrer Erinnerung nach etwas gesucht, was Ihnen in der Vergangenheit gut geschmeckt hat? Haben Sie sich Ihre Lieblingsspeisen vorgestellt? Haben Sie eine Idee gehabt und sie dann als unmöglich, dumm oder absonderlich abgetan?

    Die meisten Menschen haben die eine oder andere Strategie, um zu einer Antwort zu kommen. Und es besteht die Vermutung, dass es auch eine dieser Strategien sein wird, die bei wichtigeren Entscheidungen als der um Geschmacksfragen verfolgt wird, wie dies in der neutralen Zone der Fall ist. Dabei geht es nicht darum, etwas zu tun, was das „Wünschen“ oder „Wollen“ angeht, sondern nur sich dessen gewahr zu sein.

  • Überlegen Sie, was bliebe ungelebt, wenn Ihr Leben heute enden würde.
  • Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Freund der Familie eines Verstorbenen, der die Aufgabe übernommen hat, eine Grabrede oder einen Bericht für die Lokalzeitung zu schreiben. Angenommen, Sie selbst wären der Verstorbene, was würden Sie über sich selbst schreiben? Es geht um die Dinge, die Sie getan haben und die, die Sie nicht getan haben, in den Jahren, die Ihnen zur Verfügung standen. Enden Sie mit einem Satz, wie z.B.: „Zum Zeitpunkt seines/ihres Todes, war er/sie dabei … einen Anfang zu machen … war stecken geblieben in … war weit von zu Hause … dabei die Erwartungen anderer zu …“ oder was sich Ihnen in dieser Art und an dieser Stelle aufdrängt.

    Da Beendigungen in einem gewissen Sinn ein symbolisches Sterben beinhalten, ist ein Nachruf durchaus die passende Form, die Vergangenheit zu beschreiben.

    Was ist in der Vergangenheit ungelebt geblieben, welche Träume, welche Überzeugungen, welche Talente, welche Ideen, welche Qualitäten in Ihnen blieben unbeachtet. Sie sind an einem Wendepunkt in Ihrem Leben. Das ist die Gelegenheit, etwas anderes mit Ihrem Leben anzufangen, etwas über das Sie sich auf eine bedeutungsvolle Weise äußern können.

  • Nehmen Sie sich ein paar Tage, um auf Ihre eigene Version einer Übergangs-Reise zu gehen.
  • Es geht nicht darum, wie weiter oben erwähnt, eine Art Ritual ablaufen zu lassen, das ansonsten mit dem Leben, wie Sie es führen, nichts zu tun hat und nur aufgesetzt und fremdartig wäre, aber der Wunsch nach Rückzug in einem Übergang und in der neutralen Zone entspricht oft einem eigenen Bedürfnis. Bei dieser Empfehlung geht es deshalb darum, dieser natürlichen Tendenz ein Stück weiter zu folgen, sich für eine Zeit zurück zu ziehen und einige Tage alleine zu verbringen, in denen Sie bewusst über den gegenwärtigen Übergangsprozess in Ihrem Leben nachdenken.

    Es sollte ein Ort sein, mit dem Sie nicht vertraut sind und, der frei von den gewohnten Einflüssen Ihres Alltags ist, wie es bei den Reisen der Initianden in alten Zeiten der Fall war. Je einfacher und ruhiger der Rahmen ist, desto mehr besteht die Chance, dass Sie sich Ihrer eigenen, inneren Angelegenheiten gewahr werden. Die Nahrungsmittel sollten einfach sein, die Mahlzeiten klein. Lassen Sie alle Unterhaltungsmedien zu Hause. Nehmen Sie ein Notizbuch mit, allerdings ohne den Zwang irgendetwas von Bedeutung darin aufschreiben zu müssen. Der Rückzug ist eine Reise in die Leere und eine Zeit, die eigene Aufnahmefähigkeit und Sensibilität zu entwickeln. Je mehr Sie zurücklassen, desto mehr Raum haben Sie, etwas Neues zu finden. Es geht nicht darum, auf eine Erleuchtung zu warten, sondern das, was Sie tun, achtsam zu tun, nur das und nichts anderes.

    Wenn Sie die Idee anspricht, halten Sie in dieser Zeit einmal eine Nachtwache, das heißt, halten Sie sich wach und machen Sie nichts als z.B. ein Feuer am Brennen zu halten, sich ab und zu etwas zu trinken zu holen, umher zu gehen …

    Es liegt kein besonderes Geheimnis darin, sich zurückzuziehen, während man sich in diesem Prozess befindet. Man lebt einfach eine Weile in einer äußeren Situation, die zur inneren Situation in direkter Beziehung steht. Achten Sie auf Ihre Intuitionen und auf Zufälle, die geschehen, und die verrückten Ideen, die auftauchen, und die Träume, an die man sich in den ersten Sekunden nach dem Erwachen erinnert. Wenn es für Sie passt, führen Sie kleine symbolische Handlungen aus, etwas aufschreiben und verbrennen, einen Kreis auf die Erde malen und sich hineinsetzen, Spiralen auf einen Stock schnitzen, laut sprechen … Lassen Sie sich voll und ganz auf den Prozess ein, der sich entwickelt, ohne sich über dessen Bedeutung Gedanken zu machen.

    Wenn Sie wollen, tun Sie, was immer Sie tun, so als ob dies Teil eines alten, kunstvollen Rituals wäre und tun Sie dies mit Ihrer gesamten Aufmerksamkeit. Sie müssen keine Resultate erbringen, müssen nichts erreichen. Wenn Sie glücklich sind, seien Sie glücklich. Wenn Sie sich langweilen, langweilen Sie sich. Es gibt keine bessere, passendere, hilfreichere Erfahrung als die, die Sie gerade in diesem Moment machen. Was immer Sie fühlen, erleben, Sie erleben es, und Sie sind an diesem Ort, um mit diesem Menschen, d.h. mit sich selbst, alleine zu sein.


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    Die Neutrale Zone –das Scharnier dazwischen

    Bei dem Reflektieren über Symbole und dem Entwickeln kleiner privater Rituale geht es, wie schon gesagt, nicht darum eine Art von Zauber zu veranstalten, sondern sich mit diesen Handlungen der Gestalt des natürlichen Übergangsprozesses gewahr zu werden: Sterben, die neutrale Zone, Wiedergeburt sind keine Ideen, die wir in das Leben bringen, sie sind Phänomene, die wir im Leben finden, wenn wir hinter die vertrauten Oberflächen blicken. Die Verhältnisse werden hier vereinfacht dargestellt. Diese Reihenfolge von Ende, neutrale Zone und Neuanfang muss so nicht ablaufen. Im wirklichen Leben gibt es Abweichungen von dieser Abfolge. Wenn jemand bei seiner Arbeit oder in seinem privaten Umfeld innerlich abstirbt, gibt es keine Beendigung, keine Abkoppelung. Der alte Job, die alte Beziehung gibt es noch, aber der Mensch ist nicht mehr dabei, er oder sie ist gefühlsmäßig nicht mehr dabei. Vielleicht hat dann auf einer emotionalen Ebene eine Beendigung stattgefunden, ohne dass dies Auswirkungen nach außen zeigen würde. Der Mensch bewegt sich nun wie ein Schlafwandler in einer Rolle, mit der er einmal identifiziert war, es aber nun nicht mehr ist.

    Häufig folgen ein äußeres Ende und ein Neuanfang so dicht auf einander, dass kein Raum für eine neutrale Zone zwischen ihnen geblieben ist: Von einem Job in einen anderen, von einer Beziehung in die nächste… Dann können Gefühle der Fremdartigkeit und Schwierigkeiten, sich in die neue Situation einzufinden, als die Folgen einer ausgefallenen neutrale-Zonen-Erfahrung betrachtet werden. Gleich ob der Neuanfang vor dem eigentlichen Abschluss oder Alt an Neu scheinbar übergangslos angeschlossen hat, die Erfahrung der neutralen Zone bleibt eine Zeit der inneren Reorientierung. Die moderne Zeit mit ihrem Machbarkeits- und Kontrollmythos negiert diesen Aspekt des Entwicklungsprozesses und des Seins und sieht Veränderung so als ob es einfach eine Sache einer einfachen Neuanpassung wäre.

    Tatsächlich ist die Zeit in der neutralen Zone die Zeit, in der das stattfindet, was einen Übergang im Unterschied zu einer Veränderung ausmacht: Innere Reorientierung und Neuordnung, der Übergang von einem Lebensabschnitt in den nächsten. Im Rückblick sagen viele Leute: „Alles ist damals schon passiert, auch wenn ich in dem Moment gar nicht wusste, was da vor sich ging.“ Oder sie sagen, das sei die Zeit gewesen, in der sie am meisten waren, wer sie wirklich sind, obwohl oder gerade weil sie sich sehr unsicher darüber waren, was vor sich ging.

    Ohne dieses Verständnis der Vorgänge in der neutralen Zone, wird die begleitende Orientierungslosigkeit nur als eine Konfusion gesehen, die nach schneller Ordnung und Orientierung ruft und damit die Chancen dieser Phase während eines Ordnungsübergangs nicht nutzt. Demgegenüber erschließt das Verständnis der neutralen Zone als ein zentrales Moment in einem Veränderungsprozess erst die Möglichkeit, die Potenziale zu nutzen, die dieser Prozess mit sich bringen kann. Kreative Menschen haben sich am Vorabend ihrer „Wiedergeburt“ immer zurückgezogen. Das Muster von Rückzug und Wiederkehr lässt sich in den Lebensgeschichten von ganz Großen, wie Paulus, Benedikt, Buddha, Mohammed, Machiavelli, Dante und vielen anderen beispielhaft finden, zeigt sich aber genauso, vielleicht weniger spektakulär auch bei ganz gewöhnlichen Sterblichen. Vielleicht hilft es zu wissen, dass eben auch prägende Personen der Menschheitsgeschichte diese Kreisläufe durch die Dunkelheit der neutralen Zone auf ihrem Weg durchlaufen haben, während die gewöhnlicheren Lebensläufe mit einem kleineren Pinsel gemalt sind und die Momente der Erkenntnis vielleicht weniger bedeutsam sind. Es ist annähernd das gleiche Muster, das wir auch in unseren eigenen Lebensläufen finden, wenn wir nur hinschauen. Vielleicht sind sie aber auch nur deshalb so bedeutsam geworden, weil sie sich auf diese Erfahrung eingelassen haben.


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