6. Beendigungen

Die Erfahrung Abkoppelung Auflösung (auch Abbau/ Demontage) Ernüchterung (Entzauberung) Orientierungslosigkeit Veränderungen und Übergänge, Innen und Außen Die Erfahrung, dass etwas wirklich zu Ende ist ...


Teil II Der Prozess des Übergangs selbst

Die Erfahrung

Was wir einen Anfang nennen, ist oft ein Ende. Und etwas zu beenden, bedeutet einen Anfang zu machen. Das Ende ist es, von dem aus wir beginnen.

T.S. Eliot

Beendigungen, seien sie frei gewählt oder nicht, werden von ihrer Bedeutung her häufig überladen, weil sie mit dem Erleben von Endgültigkeit und Verlust verbunden werden: „Alles aus, nie mehr, vorbei!“ Wir sehen Beendigungen häufig als etwas, nach dessen Eintreten nichts mehr kommt, es keine Zukunft mehr gibt und können in diesem Moment nicht sehen, dass sie nur der erste Schritt im Übergangsprozess und damit eine Vorbedingung für die darauf folgende Selbst-Erneuerung darstellen. Beendigungen sind allgegenwärtiger Teil unserer Wirklichkeit, das heißt aber nicht, dass wir sie in Gänze verstehen und ihre Bedeutung für den gesamten Prozess richtig einschätzen können. 

Durch die Beschäftigung mit Übergangsritualen, wie sie tradiert wurden, wird deutlich, dass Beendigungen immer verbunden sind mit einem Bruch, mit einem Ende, mit einer Art symbolischen Todes. Die entscheidende Frage lautet: Wie ist es zu schaffen, die Person-die-ich-einmal-war sterben zu lassen, um dann einen Prozess der Erneuerung zu durchlaufen. Die Struktur und Dramaturgie dieser Rituale gibt darauf eine Antwort, wenn diese auch von einer sozialen Wirklichkeit und einer mystischen Vorstellung ausgehen, die unserer heutigen Erfahrungswelt nicht mehr entsprechen.

In dem Folgenden werden fünf Aspekte dieser natürlichen Erfahrung einer Beendigung dargestellt, wie man sie in einer ritualisierten, aber genauso auch in einer nicht-ritualisierten Erfahrung und Form erkennen kann: Abkoppelung, Auflösung, Identitätsverlust, Ernüchterung, Orientierungslosigkeit

Wer will kann in diesen Erfahrungen oder Mustern, die hier als Begleiterscheinungen eines tief greifenden persönlichen Wandels gesehen werden, auch eine gewisse Nähe zu psychopathologischen Symptomen sehen. Nur, unter diesem Blickwinkel erhalten diese eine ganz andere Wertigkeit und Bedeutung. Sie stehen hier nicht mehr als Ausdruck einer psychischen Störung, einer Krankheit oder eines Symptoms einer tiefer liegenden Störung, sondern sie sind die „natürlichen“, vielleicht auch notwendigen Begleiter eines unter Umständen tiefgreifenden Wandels.

So wäre denn beim Beobachten solcher Symptome auch nicht die Frage weiter führend, was stimmt nicht mit mir oder mit XY, sondern welcher Wandel steht denn im Moment an? Was ist vorbei? Vielleicht auch, welche Veränderungen sollen vermieden werden.


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Abkoppelung

In Zeiten des Übergangs sondern sich Menschen sehr häufig von ihrem gewohnten sozialen Umfeld ab. Sie ziehen sich zurück oder werden von ihrem vertrauten Rahmen getrennt. Manchmal handeln sie auch sozialen Konventionen zuwider, um gleichsam mitzuteilen, „Ich gehöre im Moment nicht richtig dazu“. Es gibt dafür sehr viele Beispiele in Mythen und Geschichten.

Menschen finden sich demgemäß immer wieder, sei es auf eigenes Zutun hin oder sogar gegen die eigene Absicht und eigenes Handeln abgekoppelt von ihren gewohnten Aktivitäten, vertrauten Beziehungen, Abläufen und bedeutsamen Rollen, die sie normalerweise in ihrem Leben innehaben. Angenommen, man sähe dies als ein Hinweis, als Indiz, dass eine Zeit des persönlichen Übergangs bevor steht? Oft ist es in einer solchen Situation, die häufig als Krise erlebt wird, schwer, dies als „ein Geschenk in Verkleidung“, als eine große Chance auf eine persönliche Entwicklung sehen zu können. Da das Leben nicht stehen bleibt, stehen meist zunächst eher praktische Fragen im Vordergrund: Wie lassen sich bestimmte Dinge regeln, die weiter laufen müssen? Wie werden sich die beinahe immer vorhandenen Verluste auswirken? Welche weiteren Konsequenzen sind zu befürchten?

Aber mit der Zeit wird es möglich, auch die andere Seite, das heißt die Seite der Chancen zu sehen, die in einer Veränderung enthalten sind. Scheidungen, Jobwechsel, Umzüge, Krankheiten, auch viele unbedeutendere Ereignisse koppeln uns von unserem gewohnten Kontext ab. Dadurch werden die alten Hinweissysteme und stabilisierenden äußeren Bedingungen unterbrochen, die dazu beitragen, die alten Rollen und Verhaltensmuster aufrecht zu erhalten und immer weiter zu verfestigen.

Es ist aber nicht nur die Unterbrechung der alten Systemkräfte, die dazu zwingt, Neues zuzulassen, sondern es ist andererseits auch sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich, sich in einem funktionierenden, stabilen System einen alternativen Lebensentwurf oder eine andere Identität nur vorzustellen. Mit der Abkoppelung beginnt ein fortschreitender Prozess des Wandels. Unter günstigen Umständen unterstützt und begleitet durch andere Menschen führt dieser Wandel zu Entwicklung und Erneuerung.


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Auflösung (auch Abbau/ Demontage)

Die Abkoppelung bringt den Menschen zunächst nur in Distanz zu den alten Signalen und Einladungen von außen, dass es „weiter wie bisher“ geht. Indirekt wird dadurch auch die Binnenstruktur, d.h. das eigene Verständnis von sich selbst beeinflusst, das sich in einer Rückkoppelungsschleife auf diese Signale und Einladungen hin entwickelt hat. Die alten Gewohnheiten, Verhaltensweisen, das Selbstbild, das dazu führt, dass man sich fühlt, wie man sich fühlt, erfährt dadurch eine gewisse „Auflösung“. Weitere Handlungen und Aktivitäten führen dazu, langsam die Beziehung zu der Person - kann auch ein Teil meines Selbst sein - oder der Identität, die im Übergang verloren geht, zu lösen.

Emotional, d.h. auf der Ebene der Gefühle, zeigt sich dies in Trauer, in dem Gefühl des Verlustes, kognitiv, d.h. auf der Ebene des Denkens und der Wahrnehmung, in einer Fokussierung und Reduzierung auf sich selbst und die eigene Person. Man sieht sich selbst isoliert, abgeschnitten von dem bisher bedeutsamen Umfeld. Die begleitenden Gefühle sind die Symptome, Hinweise auf diesen Prozess, nicht der Prozess selbst. Verwirrung und Angst entwickeln sich, wo das Verständnis für die Bedeutung dieses Prozesses als sinnvolles Element im Übergangsprozess insgesamt nicht wahrgenommen wird oder fehlt.

Wie beim Umbau eines Hauses, der oft kostspieliger und meist nervenaufreibender als ein Neubau ist, geht auch ein Umbau im Leben nur über ein Stadium der relativen Auflösung und Zerstörung des Alten. Die partiellen Identitätsverluste sind die Begleiterscheinungen der Lösung aus der alten Identität.

In dieser Zeit erlebt sich der Mensch über das, was er nicht zu sein scheint: „Ich bin nicht der, der ich sein sollte und ich bin auch nicht der, von dem ich dachte, dass ich er irgendwann einmal werde. Aber ich bin auch nicht mehr der, der ich war.“ Wenn ich der "Nicht-mehr-der-oder-der" bin, steht alles offen.

In dem die alten Verbindungen zur Welt lose geworden sind und die inneren Strukturen, die diese Verbindungen in einer Art von Wechselseitigkeit geschaffen haben, sich in Einzelteile zerlegen, lösen sich auch die Arten und Weisen auf, mit denen man sich selbst definiert hat, wie man sich selbst verstanden hat. Auf die eine oder andere Art machen viele Menschen im Übergang die Erfahrung, sich nicht mehr länger sicher zu sein, wer sie sind. Sie verlieren ihre Identität oder zumindest Teile davon. In den meisten Übergangsritualen, die diesen Wandel in eine Form bringen und damit Sicherheit in unsicheren Verhältnissen geben, gibt es Elemente, durch die die Symbole und Zeichen der alten Identität entzogen werden und eine vorübergehende Nicht-Identität angenommen wird, die durch Masken, Bemalungen, rasierte Schädel, fremdartige Kleidung, die Aufgabe des alten Namens repräsentiert wird. Dieser Prozess der Lösung aus der alten Identität symbolisiert äußerlich die innere Seite des Abkoppelungsprozesses. 

Auch in der Art der Selbstbeschreibung wird dies manchmal deutlich. Menschen sind nicht mehr länger z.B. Lehrer, sondern sie beschreiben sich als jemand, der „lehrt“ oder kein „Gärtner“ mehr, sondern jemand, der „gärtnert“ usw. Das Substantiv hat mehr mit Identität zu tun als das Verb. Mit dem Verb werden eher Identitätsteile verbunden, die nur eine losere Verbindung zum Kern meiner selbst haben. Sich zu lösen aus der alten Identität ist ein wichtiger Teil des Prozesses, denn diese steht einem Übergang und damit auch einer Transformation und Selbst-Erneuerung im Wege.

Sich zu lösen aus der bisherigen Identität ist keine spaßige Sache, sondern kann auch Angst und Panik auslösen. Das Wissen um den Zusammenhang mit den Begleiterscheinungen des Übergangs kann diesem Erleben eine andere, sinnvolle, weniger Angst behaftete Bedeutung verleihen und damit ein wenig Sicherheit geben.


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Ernüchterung (Entzauberung)

Losgelöst von der alten Identität und der alten Lebenssituation oder einem wichtigen Aspekt davon, floatet ein Mensch zwischen unterschiedlichen Wirklichkeiten. Aber es gibt noch immer eine Welt im Kopf, ein Bild davon, „wie die Dinge laufen“, die den Betreffenden mit der alten Wirklichkeit wie mit feinen Strängen und Fäden aus Vermutungen und Überzeugungen verbinden: Die Sonne wird morgen wieder aufgehen, meine Mutter liebt mich… Die Dinge laufen so und so. Und wenn selbst dies nicht so ist, dann ist die Wirklichkeit, so wir sie bisher kannten, nicht mehr länger wirklich und real. Die Entdeckung, dass die Wirklichkeit in einem gewissen Sinn tatsächlich nicht mehr wirklich ist, meint das, was hier mit Ernüchterung bezeichnet wird.

In den traditionellen Übergangsritualen war das Spüren der Ernüchterung eine sorgsam arrangierte Erfahrung. Dabei wurde den Initianden gezeigt, dass z.B. eine Kultfigur, der vorher und vielleicht auch wieder danach eine große "Macht" zugesprochen wurde und wird, nichts weiter ist als ein z.B. mit den unterschiedlichsten Materialien verhülltes Gestell oder Tongefäß. Die Entzauberung des Nikolaus in der eigenen Kindheit als Onkel Walter stellt eine vergleichbare Erfahrung dar. Die gesamte Lebenszeit bringt weitere ähnliche Erfahrungen mit sich: Liebende, die sich ewige Liebe geschworen haben und sich als treulos erfahren, Vorbilder, die ihrer Rolle nicht gerecht werden, Menschen, die das in sie gesetzte Vertrauen enttäuschen… Am meisten mag es wahrscheinlich zu ernüchtern, sich selbst als jemand zu entpuppen, der unter Umständen Seiten von sich zeigt, von denen er meint, sie gerade nicht zu haben. Ernüchterung ist eine sich wiederholende Erfahrung.

Viele bedeutsame Übergänge sind nicht nur mit diesen Momenten der Ernüchterung verbunden, sondern sie beginnen damit. Wie bei anderen Begleiterscheinungen eines Wandels erschließt sich deren tatsächliche Bedeutung erst später im Verlauf. In diesem Fall kann es von Bedeutung sein, genau da zu beginnen, denn das Alte muss weggeräumt werden, damit das Neue wachsen kann.

Diese Auffassung widerspricht einer unserer zentralen Vorstellungen über Wachstum, die dieses als einen additiven Vorgang betrachtet, bei dem immer etwas mehr dazu kommt. Entwicklung kann aber auch bedeuten, etwas zu verlieren und nicht immer nur etwas hinzu zu gewinnen. Es geht die Herausforderung, zu verlernen, nicht jedoch etwas Neues hinzuzulernen.

Die Erfahrung der Ernüchterung beginnt mit der Entdeckung, bedeutsame Stücke (m)einer existierenden Welt befinden sich im eigenen Kopf, nicht irgendwo da draußen. Die Bruch-Stücke meiner Welt haben mehr mit dem zu tun, wie nach meinem Wunsch die Wirklichkeit sein sollte als mit der mit anderen gemeinsamen Realität. Es ist demnach nicht die Welt, die beunruhigt, ängstigt, enttäuscht oder was auch immer, sondern es sind die eigenen Erwartungen und Wünsche, die zu diesen Erfahrungen führen. Der immer vertrauenswürdige Freund, die perfekte Partnerin, der edle Vorgesetzte, das alles sind innere Teile von Rollen im eigenen Denken, die im Äußeren nach Akteuren suchen, die sie besetzen könnten. Wenn sich dafür Stellvertreter finden lassen, dann ist dies wie bei einem Schlüssel und Schloss, deren Teile zusammenpassen und damit etwas ganz Neues erschließen, eine Art Verzauberung findet statt. An Wendepunkten des Lebens brechen diese Verzauberungen entzwei, so als ob uns jemand anderer getäuscht hätte. Aber es ist mehr die eigene Sicht auf andere, und damit das eigene Selbstbild, das einem Druck in Richtung eines Wandels ausgesetzt ist.

Ergebnis der Ernüchterung ist die Auffassung, die Realität als vielschichtig und aspektivisch zu betrachten. Aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet kann Gegensätzliches durchaus stimmig sein. Keine dieser verschiedenen Realitäten ist „falsch“ oder „richtig“, sondern jede ist passend, passend auch für eine bestimmte Phase einer persönlichen Entwicklung. Die Ernüchterung ist das Signal, dass es Zeit ist, hinter die Oberfläche zu schauen und bereit zu sein, ein anderes, passenderes, weil differenzierteres Verständnis zu entwickeln. Die ernüchterte Person sieht die alte Sicht als hinreichend zu ihrer Zeit, aber als unzureichend jetzt: „Ich brauchte den Glauben an einen immer vertrauenswürdigen Partner. Dies hat mich geschützt vor bestimmten Unsicherheiten des Lebens.“

Ein Mensch, der z.B. von einem anderen enttäuscht wurde, aber weiter nach dem einzigen Freund sucht, dem wirklich treuen Partner, dem immer vertrauenswürdigen Vorgesetzten, ist in diesem Sinn nicht ernüchtert, sondern geht mit seiner Suche nur im Kreis, ohne diese Chance auf eine echte persönliche Weiterentwicklung zu nutzen.


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Orientierungslosigkeit

Meist hat ein Mensch ein Gefühl für das, wo es lang gehen soll, eine Art innerer Kompassnadel oder zumindest, wo es nicht lang gehen soll. Es ist die Art, sich selbst zu orientieren und in die eigene Zukunft voranzugehen. In den alten Übergangsritualen wurden die Initianden meist in unbekanntes, ihnen fremdes und über ihren Erfahrungshintergrund hinausgehendes Territorium gebracht und dort für einige Zeit gelassen. In einem solchen Rahmen und der Befindlichkeit, die damit geschaffen wurde, war der Mensch „verloren genug, um sich selbst zu finden“.

Im Übergangsprozess ist die Orientierungslosigkeit ein weiteres Erfahrungselement. Das vertraute Lebens-Gefühl mit den gewohnten Richtungsweisungen weicht einem existenziell wahrgenommenen Gefühl, sich wie ein Schiffbrüchiger auf einem unbekannten Eiland vorzufinden.

Eines der ersten und wichtigsten Opfer dieser Orientierungslosigkeit ist das Gefühl, die Absichten und die Pläne für die Zukunft. Mit dem Verlust der Ziele wird auch die auf diese gerichtete Energie obsolet. Der damit verbundene Verlust an Antriebskraft und Ausrichtung ist für viele und ihr Umfeld erschreckend und stellt ein Risiko dar, wenn ganz wesentliche Lebensbereiche davon betroffen sind.

Es wäre ein Fehler, die Orientierungslosigkeit in dieser Situation positiv zu betrachten, wie dies später in der Rückschau vielleicht wieder möglich ist. Auch in den Übergangsriten der Stammesgesellschaften hatten die Leute keinen Spaß. Sie litten darunter, weil „zu leiden der Weg war“. Sie glaubten an den Prozess von Tod und Wiedergeburt und, dass sie sich diesem Prozess anvertrauen konnten und mussten sich deshalb das Ganze nicht schöner machen und reden als es ist. In der Spaßgesellschaft des modernen Menschen fehlt diese Überzeugung und sie schwanken zwischen positivem Denken und Verzweiflung.

Wird der Verlust an Orientierung bloß als eine rationale, d.h. verstandesmäßige Erfahrung erlebt, was die persönliche Not durchaus ein wenig mindern kann, heißt dies, die wirkliche Erfahrung zu verdrängen und damit dem Übergangsprozess selbst einen Teil seiner Wirksamkeit zu nehmen. Orientierungslosigkeit ist bedeutungsvoll, aber sie macht absolut keinen Spaß. Es ist eine Zeit der Verwirrung und Leere. Dinge verlieren ihre Bedeutung in der großen, dunklen Nicht-Welt. In vielen Mythen verschwindet in diesem Stadium der Held im Bauch eines großen Tieres oder einem großen Labyrinth.

Der Verlust an Orientierung beeinflusst nicht nur das Gefühl für den Raum, in dem wir uns befinden, sondern auch das Zeitgefühl. Die Arten und Weisen, mit denen wir unsere Zeit strukturieren, ändern sich oder fallen weg und die Zeit streckt sich vor uns aus wie die offene See.

Dies sind die Elemente in Übergangsphasen. Menschen fürchten nicht so sehr einen neuen Job, eine neue Beziehung o.ä. als die Zeit, in der sie mit dem Nicht-Sein klar kommen müssen. Dies weckt Ur-Ängste und Phantasien über den Tod und das Gefühl verloren zu sein und keine Kontrolle über das eigene Leben zu haben.


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Veränderungen und Übergänge, Innen und Außen

Veränderungen werden gemacht, um ein Ziel zu erreichen, Übergänge beginnen damit, etwas loszulassen, was nicht länger passt: eine Beziehung, ein Job, eine Sicht der Dinge, eine Überzeugung… Dies ist immer ein internaler Vorgang, auch wenn die beobachtbaren Veränderungen im Äußeren ablaufen. Auch die oben dargestellten fünf Teilprozesse sind im Wesentlichen internale Vorgänge.

Nur äußere Dinge zu beenden oder zu verändern, bedeutet unter Umständen Veränderungen zu nutzen, um Übergänge zu vermeiden: z.B. eine Beziehung zu lösen, um sich kurze Zeit später in einer neuen, gleichartigen Beziehung wieder zu finden, um der oder die bleiben zu können, der oder die man meinte, immer gewesen zu sein, oder diese Beziehung auch wieder zu lösen, um … usw. Natürlich können Veränderungen im Äußeren genauso zu dem internalen Prozess eines Übergangs führen wie umgekehrt. Beides muss zusammenspielen, bzw. spielt immer zusammen. So können internale Vorgänge, äußeren zeitlich vorausgehen: Die Entscheidung, mit dem Trinken aufzuhören, eine Beziehung zu beenden z.B. geht dem Handeln schon lange voraus. Oder äußere Veränderungen laufen umgekehrt dem inneren Verarbeitungs-Prozess zeitlich voraus: Einen geliebten Menschen zu verlieren setzt einen längeren Trauerprozess in Gang. Die Zeit gibt nicht nur die Möglichkeit, sich mit Verlusten zu versöhnen, sondern auch die Verluste auf eine Art zu verstehen, dass wir darüber hinaus kommen.


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Die Erfahrung, dass etwas wirklich zu Ende ist…

Beendigungen beginnen meist damit, dass etwas schief läuft. Man scheitert, wo man bisher in der Regel erfolgreich war. Es gibt keine einheitliche Abfolge von Ereignissen bei Beendigungen. Diese werden ganz unterschiedlich erlebt.

Aber der entscheidende Punkt ist, überhaupt die Erfahrung, dass etwas wirklich zu Ende ist, im Rahmen eines Übergangs zuzulassen. Beendigungen sind Erfahrungen des Sterbens. Sie sind Opfer, Prüfungen und manchmal fordern sie Menschen und alle ihre Überzeugungen, wer sie sind, so heraus, dass diese glauben, es sei ihr Ende. Die Kenntnis der alten Übergangsriten weist darüber hinaus. Mircea Eliade schreibt dazu: „In keinem Ritus oder Mythos finden wir den initiatorischen Tod als einen finalen, endgültigen Tod, aber dieses Element ist immer die Bedingung sine qua non eines Übergangs zu einer anderen Daseinsform, eine unabdingbare Voraussetzung einer Erneuerung hin zu einem neuen Leben.“ Das Ende erst initiiert einen neuen Prozess. Das Ende ist der erste Akt im Stück.


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