Teil II Der Prozess des Übergangs selbst




Menschen befinden sich, das lässt sich sagen, in einem ständigen Übergangsprozess. Seien es die Übergänge, die sie durch das Leben und die Zeit begleiten, wie der Übergang von der Jugend in das Erwachsenenalter. Seien es Veränderungen, für die man sich aus den unterschiedlichsten Motiven entscheidet, z. B. eine Beziehung einzugehen oder zu lösen, oder wieder andere, zu denen das Leben scheinbar zwingt, wie z.B. die Aufgabe mit dem Verlust einer Anstellung fertig zu werden. Aus dieser Sicht ist es als individuelle Leistung zu betrachten, über eine bestimmte Zeitspanne hinweg durch eigene Anpassung und Veränderung für uns selbst und für uns wichtige Andere die Form eines stabilen Lebens aufrecht zu erhalten gegen den Strom der beständigen Veränderungen, die auf uns von außen und aus uns selbst heraus einwirken: Kein Mensch steigt zweimal in den selben Fluss, sagte der griechische Philosoph Heraklit, weil schon beim zweiten mal der Mensch durch die erste Erfahrung ein anderer geworden ist, genauso wie der Fluss sich verändert hat. Andererseits gilt es eine Antwort auf die Frage zu finden, wie erkenne ich, dass ich zu dem geworden bin, den der Übergang von mir fordert? Initiationsriten, die aus  heutiger Sicht aus der Zeit gefallen erscheinen, setzen hier einen Rahmen, der Sicherheit in unsicheren Zeiten oder unter riskanten Bedingungen schafft.

In dem Prozess der Initiation verdichtet sich die Erfahrung eines Übergangs in einer ganz bestimmten Form, so dass dem Betreffenden eine Gewissheit vermittelt wird, ein anderer geworden zu sein. Initiation (nach Wikipedia: "Initiation bezeichnet die Einführung eines Außenstehenden in eine Gemeinschaft oder seinen Aufstieg in einen anderen persönlichen Seinszustand, beispielsweise vom Kind zum Mann...") ist so eng verbunden mit dem Modus des Seins der menschlichen Existenz, dass eine beachtliche Zahl von Handlungen und Gesten auch des modernen Menschen als Wiederholungen initiatorischer Elemente gesehen werden können. Der „Überlebenskampf“, die „Opfer“ und die „Schwierigkeiten“, die auf dem Weg zu einer Berufung oder einem beruflichen Lebensweg zu bewältigen sind, wiederholen auf eine gewisse Art die Prüfungen einer Initiation. (Mircea Eliade) Jede neue Form muss im Chaos beginnen und jede Lücke in der Zeit oder im Raum bietet dafür einen Zugang. Diese Lücken zeigen sich meist am Ende eines Zyklus, z.B. am Ende eines Jahres, eines natürlichen oder herbeigeführten Lebensabschnitts … Die Person, die sich in einen Übergang hinein begibt, stirbt auf eine gewisse Weise. Nach einer Zeit wird sie neu wiedergeboren. Dies ist der Weg des Endens und Neu-Beginnens.

Arnold van Gennep hat die Riten, die in den traditionellen Stammesgesellschaften die Übergänge im Leben markierten und teilweise noch immer markieren, für die moderne westliche Welt in ihrer Bedeutung erschlossen. Für ihn hatten diese zeremoniellen Abläufe drei Phasen: die Abtrennungsphase, gefolgt von einer Übergangsphase und als Abschluss eine Wiederangliederungsphase.

Auch in den modernen Gesellschaften gibt es Tendenzen, Rituale oft in einer Art Nostalgie wieder neu zu inszenieren. Neue Berufe, wie Eventmanager, oder gar das Engagieren eines Ritualdesigners zur Gestaltung einer Feier lassen auf ein Bedürfnis und eine Nachfrage für solche „Dienstleistungen“ schließen. Doch in einem weitgehend ritualfreien modernen Leben bleiben solche Passagen eigentlich künstlich. (Vielleicht gibt es sie ja noch, aber sie werden so nicht benannt.) Indem tradierte Rituale von Naturvölkern einfach in eine neue Form transplantiert werden, funktionieren sie in den modernen Verhältnissen noch lange nicht. Rituale sind keine Techniken mit Zauberkraft, etwas Bestimmtes zu erledigen, sondern sie gleichen vielmehr Optiken oder Linsen, um bei der Betrachtung einer Veränderung, die darin liegende Erfahrung zu verdeutlichen.

Damit ein Ritual eine Kraft und damit Wirkung entfalten kann, braucht es die Überzeugung, dass das Leben den Mustern von Sterben, Chaos und Erneuerung folgt. Rituale geben uns hinter ihrer für unsere Welt sehr fremdartigen Form eine Vorstellung von Transformationsprozessen und lassen uns den inneren Prozess des Übergangs, der universell ist, verstehen. Damit können wir Elementen unserer eigenen Erfahrung Bezeichnungen geben, die ansonsten unverständlich bleiben würden, weil sie für uns keinen Namen haben.


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