4. Übergänge im Arbeits-Leben

Übergänge und die berufliche Karriere Veränderungen in größeren Systemen Arbeits-Beziehungen Von der Kompetenz zum Sinn Vier unterschiedliche Phasen im Berufsleben


Übergänge und die berufliche Karriere

Das menschliche Entwicklungsmuster besteht nicht darin, sich weiterzuentwickeln, indem man immer den gleichen Träumen folgt. Es sind die alten Träume selbst, die es von Zeit zu Zeit gilt, aufzugeben und aus den Trümmern neue zu entwickeln und das das gesamte Leben hindurch. Ein solcher Lebenslauf ist nicht mit einer aufwärts zeigenden Diagonale zu beschreiben, sondern ähnelt eher einer Spirale aus miteinander verbunden Kreisen. Zeiten relativer Stabilität wechseln ab mit solchen relativer Instabilität und Veränderung. Manchmal scheint der Impuls zum Übergang von einer stabilen zu einer instabilen Phase aus dem Innern einer Person zu kommen, zu anderen Zeiten wird ein Übergang durch externe Veränderungen angestoßen.

In unserer Kultur halten wir lineare, geradlinige Entwicklungsverläufe für das Maß der Dinge und sehen Entwicklungen, die in Zyklen laufen und manchmal vielleicht sogar rückwärts zu führen scheinen (Idee des Rückfalls), als problematisch an. Ein zeitweiliger Ausstieg in einen Nicht-Raum ist nicht vorgesehen. So hat für uns monetärer Erfolg und gesellschaftliches Prestige, nach Möglichkeit beides und ständig wachsend, einen hohen Wert.

Eine zu starke Fokussierung auf den Erfolg steht aber dem im Wege, dass Menschen das tun, was sie wirklich interessiert und erfüllt. In der Folge orientieren sie sich nicht mehr an ihren eigenen Vorstellungen, Maßstäben und Sehnsüchten, sondern an dem, was ihnen am ehesten Sicherheit, Geld und Erfolg verspricht. Sie lernen dadurch, ihren eigenen Zielen und Ideen besser nicht zu trauen und zu folgen, weil diese das Erreichen von Erfolg und den damit verbundenen Attribute gefährden könnten.

Menschen jedoch, die ihre inneren Stimmen aus der Zukunft abblocken oder abwerten und damit ihre eigenen Interessen hinten anstellen, schneiden sich selbst von den Signalen ab, die die Energie und Motivation bringen, um auf dem eigenen Entwicklungspfad zu bleiben.


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Veränderungen in größeren Systemen

Moderne Gesellschaften sind die ersten, die Menschen dafür schätzen, dass sie den Grad an gesellschaftlichen Veränderungen und Innovation hoch halten, um immer mehr Wachstum zu erzeugen. Wir haben eine Ökonomie, die von Veränderungen abhängig ist und eine Form der Kreativität und Innovation feiert, soweit diese den ökonomischen Gewinn steigert. Traditionell wurden jedoch Leistungen, die zur Kontinuität beitrugen, höher geschätzt. Dieses Denken hat unter dem viel strapazierten Begriff der Nachhaltigkeit wieder Eingang in das Handeln in größeren Systemen gefunden.

Ständige Veränderungen sind ein Kennzeichen der Verhältnisse in den modernen Arbeitsstätten. Leiden einige wenige darunter, so wird dies als deren individuelles Problem betrachtet. Wenn „das Leiden“ jedoch ein gesamtes größeres System oder eine Organisation betrifft, wie dies z.B. bei größeren Umstrukturierungen oder Umbaumaßnahmen eigentlich immer der Fall ist, so wird das zu einem Problem des Ganzen.

Ob der Anstoß zu einem Übergang für einen Menschen oder ein größeres System, wie es ein Unternehmen beispielsweise darstellt, auf eine äußere Ursache zurückgeht oder auf eine innere Entwicklung, ein Übergang beginnt auch hier immer mit einem Ende. Die erste Aufgabe ist das Loslassen: Von was ist es an der Zeit, sich zu verabschieden? Danach während der Zeit in der neutralen Zone, wenn das Alte nicht mehr und das Neue noch nicht ist, läuft die Transformation, die Umwandlung unter der Oberfläche des Systems oder unsichtbar in ihm weiter. Wird dieser Prozess nicht durch den Versuch unterbrochen, eine Abkürzung zu nehmen und möglichst schnell durch die neutrale Zone zu kommen, vollzieht er sich in einer Eigenzeit hin zu einer neuen Form, im Idealfall zu der Person oder dem größeren System, das gebraucht wird, um im Leben wieder voranzukommen. Was die Sache schwierig macht, ist die Unmöglichkeit vorher zusagen, ob das Ergebnis das ist, was man zum Beginn des Prozesses im Sinn hatte oder nicht vielleicht etwas ganz anderes.

Im individuellen Fall werden diese Zeiten der Neuorientierung in einer beruflichen Karriere für die Betreffenden umso verstörender sein, je weit reichender die Bedeutung eines Impulses ist, der den Wandel ausgelöst hat, z.B. eine neue Aufgabe in der Firma, und ob dieser gerade noch zusätzlich mit einem Schwenk in der inneren Entwicklung zusammenfällt, wie beispielsweise einer persönlichen Krise durch eine Trennung. Auch werden diese Karriere-Übergänge mit Übergängen in Resonanz kommen, die andere Personen im Umfeld gerade erleben.


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Arbeits-Beziehungen

Der Berufsweg einer Person weist Ähnlichkeiten mit der Entwicklung einer Langzeit-Beziehung auf und geht durch verschiedene Phasen. Die Probleme am Anfang eines Jobs sind vergleichbar denen am Anfang einer Beziehung. Es ist der schwierige Übergangs-Prozess, bestimmte Seiten der eigenen Person gehen zu lassen und die zu entwickeln, die die neue Situation herausfordert. Es ist kein Wunder, dass Menschen Übergängen gegenüber mehr Widerstand zeigen als gegenüber Veränderungen, denen man sich anpassen kann. Zur Erinnerung: Veränderungen, in dem hier verstandenen Sinn, meint eine bessere oder veränderte Anwendung erprobter und bekannter Regeln auf eine bestimmte Situation, während Übergänge die Notwendigkeit mit sich bringen, die Regeln selbst zu verändern.

Auch rein persönliche Veränderungen tangieren das Leben am Arbeitsplatz. Die Gesundheit, die Finanzen, Beziehungen, Sexualität, spirituelles Leben – keiner dieser Bereiche kann sich verändern, ohne dass dies Wellen in Richtung des Arbeitslebens und der Karriere senden würde. Manchmal wird die eigene Energie dadurch verstärkt, häufig aber auch vermindert. Wer dies nicht im Auge behält und nur die daraus resultierenden Veränderungen in der Motivation und der Leistung sieht, versucht wahrscheinlich, Motivation und Leistung durch Ermutigung oder zusätzliche Anstrengungen zu reaktivieren oder gar, wie bei Umbrüchen im Job häufiger, durch die Verbreitung von Angst und Schrecken. Diese Heilmittel treffen jedoch nicht den Punkt, da sie immer ein Mehr-Desselben, mehr Anstrengung, bessere Anpassung beinhalten und nichts darüber hinaus, kein Anders.

Tatsächlich verliert man durch einen Übergang mit einem wirklichen Ende und dem Loslassen der Identität, die man einmal war, auch die alten Verbindungen zu vertrauten Aktivitäten und Menschen. In dieser Situation alte Motivationen wiederzubeleben, lässt sich mit dem Versuch vergleichen, fallende Blätter wieder am Baum zu befestigen und ist genauso sinnvoll.

Die alte Flamme zeitweise wieder aufleben zu lassen, indem man in gleicher Weise z.B. auf einem neuen Gebiet noch einmal neu anfängt, kann natürlich zeitweise alte Energien und Schwung reaktivieren, aber die Wirkung eines solchen Wechsels ist meist nur kurzfristig.


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Von der Kompetenz zum Sinn

Ein wichtiger Übergang nimmt um das 40. Lebensjahr im Arbeitsleben Gestalt an: Er betrifft die Motive, die zu Leistungen im Arbeits-Leben bewegen. Es ist der Übergang von der Motivation, bei der Arbeit Kompetenz und Leistungsfähigkeit zu zeigen hin zu einer Motivation durch die Arbeit und ihre Ergebnisse persönliche Bedeutung und Sinn zu erfahren. Es ist der Wechsel vom „wie ich etwas mache“ zum „warum ich etwas mache“.

Zwei Fragen können auf der Suche nach dem Sinn förderlich sein – im Arbeitsleben und darüber hinaus – Ideen zu entwickeln und Orientierung zu geben, während man sich in einem Übergang befindet:

Was muss ich in der jetzigen Situation in meinem Leben loslassen? Diese Frage fokussiert auf den Unterschied zwischen einer bloßen Veränderung und einem wirklichen Übergang. Herauszufinden, was es Zeit ist, loszulassen, fördert die Hinwendung zu einem Übergang auf bedeutungs- und sinnvolle Weise.

Was steht auf der Bühne meines Lebens momentan im Hintergrund und wartet darauf, nach vorne ins Scheinwerferlicht der Aufmerksamkeit zu kommen? Diese Frage setzt den Prozess in Gang, sich dem neuen Kapitel im eigenen Leben zuzuwenden. Gleich ob es eine Idee oder ein Gedanke ist, den man nicht mehr los wird, oder ein Ereignis, das den gewöhnlichen Lauf der Dinge unterbricht, dies ist gleich einer Botschaft, dass sich etwas außerhalb unseres Alltagsbewusstsein befindet, das die eigene Aufmerksamkeit sucht und darauf wartet, dass man sich darauf einlässt.


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Vier unterschiedliche Phasen im Berufsleben

Unterschiedliche Rollen, Erwartungen und ein dauernder Erfahrungsstrom führen zu einem parallel, immer mitlaufenden Prozess von Entwicklung, der lange Zeit kontinuierlich verläuft, aber immer wieder auch Sprünge oder Abbrüche mit sich bringt, an denen etwas scheinbar vollkommen Neues beginnt oder beginnen kann. Wo diese Veränderungen lebenszeitlich verankert sind, lassen sich verschiedene Lebensabschnitte mit den damit verbundenen unterschiedlichen Herausforderungen und Aufgaben unterscheiden. Im Folgenden sollen vier verschiedene Phasen, orientiert an tradierten Vorstellungen von Lebensläufen, beschrieben werden.

Die Zeit der Lehre und des Lernens

Irgendwann zwischen dem Teenager-Alter und Mitte zwanzig überqueren die meisten Menschen eine unsichtbare Linie: Bis zu diesem Punkt haben Sie sich mehr darauf vorbereitet, ihr eigenes Leben zu führen, danach leben sie es, wenn Sie sich nicht wieder in die geschützten Bereiche des sich Vorbereitens zurückziehen. Zu meinen, dieses neue Kapitel im Leben werde mit dem ersten richtigen Job, der Heirat o. a. aufgeschlagen, vertauscht Ursache mit Wirkung. Die wirklichen Veränderungen finden im Inneren der Person statt, bzw. haben dort stattgefunden und die äußeren Ereignisse weisen nur auf den inneren Übergang und die neue Entwicklungsstufe hin, die diese äußeren Veränderungen erst ermöglichen. In die erste eigene Wohnung zu ziehen, macht aus einem jungen Menschen noch keinen eigenständigen Menschen. Aber wenn dieser gleichzeitig damit in seine eigene Individualität hineinwächst, dann fühlt es sich großartig an, für sich zu sein, und es ist ein großer, bedeutungsvoller Schritt. Die Funktion der beruflichen Tätigkeit ist dabei ein sehr wichtiger Faktor. Selbst wenn jemand vor diesem Zeitpunkt bereits gearbeitet hat, so war diese Arbeit meist nicht dazu da, das eigene Leben zu finanzieren. Auch die eigene Identität hat sich nicht aus dieser Arbeit gespeist. Nun aber beginnt der Beruf, zu einem bedeutsamen Teil der eigenen Identität zu werden und unterstützt das Erleben von Unabhängigkeit auf ganz vielfältige Weise. Diese Unabhängigkeit ist Teil davon, die Abhängigkeit von den Eltern zu beenden.

Damit endet auch das erste große Kapitel des Lebens, das unter dem Motto stand, zu lernen, „was erwartet die Welt von mir“ und ein neuer Abschnitt beginnt damit, die Welt, so wie man sie bis zu diesem Zeitpunkt gewohnt war, hinter sich zu lassen. In traditionellen Gesellschaften gab es besondere Rituale, die die Bedeutung hatten, den damit verbundenen inneren Übergang zu verstärken, zu markieren und zu inszenieren. Diese Zeit kann auch als eine Zeit der Entscheidung zwischen den beiden Polen betrachtet werden, nämlich mehr den eigenen Weg zu gehen oder mehr von außen oder anderen vorgegebene Verantwortlichkeiten, Identitätspakete und Privilegien zu übernehmen und weiter zu tragen.

Einen eigenen Haushalt unterhalten

Mit dem eigenen Haushalt am Ende der Ausbildungszeit ist ein großer Schritt in Richtung Selbstständigkeit getan. Weitere Schritte können das Eingehen einer Langzeit-Beziehung sein, vielleicht selbst Kinder zu haben. All dies führt dazu, einen jungen Menschen zu einem „kompletten“ Erwachsenen zu machen. Relativierend ist zu solchen Vorstellungen zu sagen, dass es natürlich auch ganz andere Lebensentwürfe gibt. Entscheidend jedoch ist der Entwicklungsprozess, der dazu führt, anstatt Teil der Welt eines anderen zu sein, seine eigene Welt zu gestalten, auch wenn diese dann wieder Teil einer anderen Welt anderer wird.

Zwischen zwanzig und sechzig, und darüber hinaus, vollziehen Menschen heutzutage ihr Alltags-Geschäft, d.h. sie arbeiten und kümmern sich um ihre Angelegenheiten (Familie, Beziehungen, Gemeinwohl…). Die alten Hindus nannten dies, einen Haushalt führen. Eine Zeit der Verantwortlichkeiten und Rollenerfüllung. Die Menschen arbeiten nicht einfach, sondern verfolgen Ziele, eine Karriere. Sie entwickeln Expertise und eine breiteres Verständnis in und für ihre Arbeit. Sind sie Teil einer größeren Organisation, steigen sie in der Regel zu mehr Verantwortung auf. Zwei Arten von Übergängen kennzeichnen dieses Kapitel: Übergänge der ersten Art werden durch die Veränderungen im Bereich der Berufsarbeit selbst ausgelöst, z.B. durch einen Aufstieg, die Übernahme der Firma durch eine andere, durch Jobwechsel, Wechsel des Arbeitsortes... Die daraus resultierenden Veränderungen auch außerhalb der Arbeit selbst können Bestrebungen zu noch größerer Unabhängigkeit unterstützen oder auch behindern. So kommt Veränderungen in der Arbeit in diesem Lebensabschnitt häufig eine Bedeutung zu, die diese dem Empfinden nach größer erscheinen lassen als sie wirklich sind.

Zum zweiten sind da die Übergänge gegen Ende einer beruflichen Laufbahn in den Ruhestand hinein. Im Gegensatz zu den ersteren werden diese in ihrer Bedeutung eher herunter gespielt, wenn am Ende einer Karriere durch jenen Übergang Teile der Person und der Bedeutung, die jemand einmal war und hatte, losgelassen werden müssen. Ohne die förmlichen Übergangs-Mechanismen der alten Übergangsriten fehlt uns jedoch nicht nur die Unterstützung, sondern auch die kraftvolle Konzentration, die die alten Rituale mit sich brachten - eine Kraft, die eine verlängerte und diffuse Zeit der Umformung vorsah und dem Ganzen eine Form gab.

Die Krise der Lebensmitte und der Abschluss der Karriere

Irgendwann in der Mitte ihres Lebens machen viele Menschen, manche eher vage und unbestimmt, andere dagegen sehr intensiv und schwierig, eine verwirrende Erfahrung: Das Leben hat sich verändert, obwohl und das ist das irritierende daran, sich an den Rahmenbedingungen so gut wie nichts verändert hat. Diese so genannte Krise der Lebensmitte hat ihren Platz zu einem Zeitpunkt im Leben, von dem die Hindus glauben, dass die Menschen damit aufhören, ihre eigene Karriere weiter zu verfolgen und eine Zeit der inneren Suche und Entdeckungen beginnen und sich (in den Wald, die Einsamkeit) zurückziehen. Sie verbinden diesen Übergang in der Lebensmitte mit der Geburt des ersten Enkelkindes und sehen darin das Zeichen, dass nun die nächste Generation die Funktion derer übernimmt, die dem Familien-Geschäft vorstehen.

Die neuen Autos, schnellen Motorräder, Trennungen und plötzlichen Verhaltensänderungen in dieser Lebensphase sind im Kontext dieses Übergangs zu sehen. Sie kommen allerdings mehr dem Versuch gleich, die wirklichen Herausforderungen dieses Übergangs zu vermeiden als diesen zu vollziehen: Das Ende der eigenen Karriere und der Beginn des sich Zurückziehens aus dem Alltagsgeschehen (zu einem Waldbewohner).

Die Herausforderung, die dieser Übergang mit sich bringt, besteht darin, sich aus dem Alltagsbetrieb zu lösen, einen Schritt zurückzutreten und darüber nachzudenken, wer man unter der Oberfläche der Aktivitäten und der Geschäftigkeit, die mit den Alltagsnotwendigkeiten verbunden sind, wirklich ist. Dies erfordert ein Überdenken und eine Neubewertung der Pfade, denen man sein Leben hindurch gefolgt ist.

Oft ist dies jedoch eine Zeit, in der viele eher versuchen, ihren Erfolg noch auf die Spitze zu treiben und Gewinn daraus zu ziehen als sich aus dem „Rennen“ zurückzuziehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der damit verbundene Übergang im modernen Leben nicht mehr existiert, sondern nur dass wir nicht darauf vorbereitet sind, wenn wir ihn erleben.

Die Übergänge, die die Karrieren mit vierzig, fünfundvierzig unterbrechen, können deshalb als die unmarkierten Ruinen dieser natürlichen Übergangszeit betrachtet werden. Das Gefühl, dass nichts mehr klappt, dass Strategien, die lange Zeit erfolgreich waren, nicht mehr funktionieren, dass ein grauer Nebel der Depression über allem liegt, ist Teil dieser Erfahrung. Gefangen von den Inhalten unserer Lebenssituation übersehen wir das grundlegende Muster. Man kann dies als eine Passage im Leben verstehen, die ihrer Bräuche und Riten beraubt ist und, weil sie nicht mehr länger als nützlich erscheint, abgelegt wurde. Wir sind so weit entfernt von der Anschauung, das Leben in verschiedene Abschnitte gegliedert zu sehen, dass wir noch nicht einmal wissen, was wir vermissen.

Das Schlusskapitel

Es gehört zum Allgemeingut, vielleicht ist es auch eine Wunschvorstellung, dass das Finale eine bereichernde Zeit sein kann, dass ein Mensch aktiv und tätig sein sollte, wenn er dies möchte. Aber was bedeutet es, im abschließenden Lebensabschnitt aktiv zu sein? Freiwilligenarbeit und ehrenamtliche Tätigkeit, das Ende des Müssens und stattdessen Erholung, Reisen, Zeit mit den Enkelkindern, das sind die gängigen Vorstellungen. Aber das ist nicht das eigentliche Wesen des finalen Kapitels unseres Werdegangs.

In dem vierteiligen hinduistischen Entwicklungsschema, auf das hier schon häufiger Bezug genommen wurde, ist das finale Kapitel des Lebens die Zeit des Sannyasin, das meint denjenigen, der aus der Phase des Rückzugs mit einem tieferen Verständnis des Lebens und der eigenen Person als vorher wieder auftaucht und dieses Wissen auch an andere weitergibt. Dieses Wissen ist Erfahrungswissen und basiert ganz direkt auf dem eigenen Erleben eigener Übergänge. Verbunden ist damit ist auch die innere Erfahrung, dass das, was mich selbst ausmacht, das Ergebnis vieler Übergänge ist. Nur im Rahmen eines Übergangs ließ man jeweils los, was man bisher für sich selbst als zugehörig und unverzichtbar hielt und befand sich eine Weile in der Warteschleife, so dass, was immer kommen sollte, auftauchen konnte und sich zu der neuen Art und Identität ausformen konnte: Es ist der Kern, der sich hinter all den Veränderungen stabilisiert hat, das was einen Menschen in seiner Besonderheit ausmacht. Nur ältere Menschen wissen dies aus direkter, eigener Erfahrung und Anschauung. Aus der Distanz zum Alltagsbetrieb, im Rückzug finden sie einen Weg, indem sie eine Bestandsaufnahme dessen machen, was sie das Leben gelehrt hat. Sie leisten die Entwicklungsarbeit der Lebensmitte, die sie zu einer tieferen, mehr spirituellen Bedeutung des Phänomens Übergang selbst führt. Ihre Aufgabe in den sich schließenden Kapiteln ihres Lebens ist es, diese Erfahrung an die Welt zurückzugeben und dabei zu helfen, den wechselnden Strom des Lebens zu verstehen, den Rhythmus, in dem jeweils auf das So-Sein ein Loslassen folgt, wiederum gefolgt von Leere und daraus neu entstehender Energie und neuen Zielen, auf die wieder das Sein folgt. Es geht um das alte Bedürfnis, in eine Ganzheit zu wachsen und dieses Wissen an die nächste Generation weiter zu geben.

Das heißt nicht, Jüngere mit Wahrheiten zu belästigen, die sie nicht hören wollen, sondern ihnen zu zeigen, wie und was sie aus ihren eigenen Erfahrungen auf ihre eigene Weise lernen können. All die kreativen Angebote, die Produkte und Ideen, die älteren Menschen ewige Jugend versprechen, lenken diese von dem ab, was sie wirklich leisten können und zwar sowohl für die Gesellschaft, wie für sich selbst.

Diese vier Phasen existieren so nicht wirklich. Die einzelnen Abschnitte variieren von Mensch zu Mensch. Es gibt keine allgemein gültige Liste. Das Gemeinsame aber ist, das Leben besteht aus einem alternierenden Rhythmus von Ausdehnung und Rückzug, von Wechsel und Stabilität …




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