3. Übergänge und das Beziehungssystem

Das Ganze ist anders als die Summe seiner Teile Wenn Sie sich in irgendeiner Beziehung in einem Wandel befinden


Das Ganze ist anders als die Summe seiner Teile

Familien, wie auch andere zwischenmenschliche Beziehungsformen, Teams und Organisationen etwa, können als Systeme verstanden werden. Diese bestehen immer aus unterscheidbaren Elementen, die sich aufeinander beziehen. Charakteristisch für alle Systeme ist, dass sich das Verhalten des gesamten Systems von dem seiner Mitglieder qualitativ unterscheiden kann. „Das Ganze ist anders als die Summe seiner Teile.“ So können die Beziehungspartner in einem System durchaus beabsichtigen, die Art und Weise zu verändern, in der sie sich zu einander verhalten, damit allerdings bewirken, dass sie auf einer anderen Ebene unbeabsichtigt das System auf seine bestehende Art weiter aufrechterhalten und damit ihren eigenen erklärten Absichten zu wider handeln, das System als Ganzes ändern zu wollen.

Nichts macht die Regeln in einem Beziehungs-System deutlicher, als wenn einer der Partner auf sich veränderndes Verhalten des anderen Partners mit einem diese Veränderung ausbalancierenden, komplementären Verhalten reagiert. Durch Übergänge eines der Beziehungspartner werden oft auch Spiel-Regeln einer Beziehung tangiert, die den Partnern vielleicht bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht offen oder bewusst waren und dadurch eben erst sichtbar werden. Soziale Regeln werden häufig erst an der Grenzlinie zu ihrer Überschreitung sichtbar.

Beziehungen sind strukturiert durch ausgesprochene und unausgesprochene Übereinkünfte der Partner, ohne dass diese sich auch nur annähernd darüber im Klaren sind. Veränderungen auf der Seite eines der Partner können solche bisher verborgenen Vereinbarungen berühren, damit auch sichtbar machen und in der Folge die Kräfte auf den Plan rufen, die das Bestehende aufrechtzuerhalten versuchen.

Sind Menschen solch widerständige Wesen, dass sie sich selbst nicht ändern, es sei denn sie werden dazu gezwungen? Jedes System verfügt über eines Art Immunsystem, Kräfte, die es auf seine Veränderung oder gar Zerstörung abgesehen haben, zu neutralisieren. Auch der einzelne Mensch kann als System gesehen werden, in dem die Kräfte, die inneren Stimmen oder Seiten der Veränderung mit denen, die alles gleich und stabil halten möchten in einem ständigen Widerstreit liegen.

Menschenleben sind wie gelebte Geschichten, die sich langsam gemäß ihren eigenen, voreingestellten, inneren Leit-Themen und Schemata entfalten. Jedes Menschenleben entspricht einer Geschichte, erzählt auf die Art, in der sie gelebt wird und jede knüpft an andere Geschichten an, die sich damit verweben und dadurch diese ein mehr oder weniger stabiles Gerüst geben. Übergänge stellen aus dieser Sicht Brüche in der Kontinuität der eigenen Geschichte dar. Scheinbar oder tatsächlich überraschend auftauchende, neue oder fremdartige Ausgestaltungen und Veränderungen der Rollen in diesen Geschichten sind vom Anfang her betrachtet immer unpassend und eine Bedrohung für die bisherige kohärente, d.h. in sich selbst stimmige Geschichte. Jeder leistet demnach Widerstand gegenüber Übergängen so gut er kann, weil die jeweils eigene Geschichte eine in sich stimmige Welt darstellt mit ihrem eigenen Immunsystem gegenüber Veränderungen. Aus einem zeitlichen Abstand und im Rückblick gesehen, können sie freilich meist wieder als sinnvolle und konsequente Entwicklung betrachtet werden.

Sich auf einen anderen einzulassen und eine Beziehung als Paar zu führen bedeutet unter anderem, darüber übereinzustimmen, eine bestimmte Rolle in der Lebensgeschichte eines anderen zu spielen. Wie eine Paarbeziehung idealer Weise sein sollte, dazu gibt es eine ganze Bibliothek. Allerdings dies auch so umzusetzen und schwieriger noch aufrecht zuerhalten, ist eine kaum zu bewältigende Aufgabe, wenn es überhaupt erstrebenswert ist, eine Beziehung so zu führen.

Was immer die aktuellen Widersprüche und Themen sind, mit denen ein Paar gerade versucht, klar zu kommen, ein Übergang oder Umbruch im Leben auch nur eines von beiden bringt beide an den Punkt, an dem beide die Gelegenheit haben, neue innere Ressourcen und Seiten an sich selbst zu entdecken, die bis zu diesem Punkt überwiegend an die jeweils andere Person delegiert waren oder vielleicht bisher gar nicht auf der inneren Besetzungsliste standen.

So betrachtet, führt jeder Übergang im Leben eines der Partner zu Turbulenzen, einer Erweiterung und vielleicht auch Verlusten des jeweils anderen und wird zu einer Möglichkeit, selbst eine neue Form zu finden. Eine Voraussetzung für ein gutes Ende ist es, dass beide Partner im Grundsatz diese Sicht teilen und sich an dem Ausloten der Möglichkeiten, die in einem Übergang stecken, beteiligen. Einer alleine hat im Allgemeinen nur geringe Chancen dieses Unterfangen gut zu beginnen und zu beenden.

Einer der schwierigsten Übergänge in einer Beziehung ereignet sich, wenn sich durch diesen die Verteilung von „Kompetenzen“ von einer zur anderen Seite verlagern. Viele Paare haben eine stillschweigende Übereinkunft getroffen, wer welche Entscheidungen für beide trifft (Paarplural: "Wir sind der Meinung, dass ..."). Und häufig führen Verschiebungen dieser Art zu Gegenreaktionen der anderen Seite. Rein rationale Begründungen für solche Verschiebungen leisten keinen großen Beitrag zur Lösung der damit verbundenen emotionalen Probleme.

Eine der Unterscheidungen, in die man die Geschichte eines Paares unterteilen kann, könnte darin bestehen, zu fragen „auf wessen Art haben sie es gemacht, als sie ihre Beziehung begonnen haben?“ gefolgt von „auf wessen Art haben sie es gemacht, nachdem diese erste Übereinkunft zerbrochen war?“ gefolgt von wechselnden Sequenzen, in denen mehr der oder die eine das Feld der Energie, Macht oder Initiative besetzt hält.

Während es meist Streit über Einzelheiten gibt, bleibt das Bewusstsein darüber, was auf einer tieferen Ebene vor sich geht und das dahinter liegende Muster im Dunkeln: Nämlich der Versuch die Maßstäbe immer wieder neu auszubalancieren.


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Wenn Sie sich in irgendeiner Beziehung in einem Wandel befinden

Punkte, die für Menschen interessant sein könnten, die sich auf irgendeine Art in einem Wandel befinden:

  • Nehmen Sie sich Zeit. Die äußeren Rahmenbedingungen des Lebens können sich augenblicklich ändern, aber die innere Neuausrichtung, die einen Menschen zurück zu einer lebendigen Beziehung zu anderen führt und wieder handlungsfähig macht, benötigt Zeit. Dies bedeutet nicht, dass alles zu einem Stillstand kommen muss, während man darauf wartet, dass die Dinge beginnen, für einen zu laufen. Vielmehr bedeutet es, dass die Verpflichtungen, die man eingeht, ein bisschen provisorisch sein werden, egal ob sie noch aus der alten Situation stammen, in der man noch steckt, oder schon zur neuen Situation gehören, die noch nicht erreicht ist. Und es bedeutet, dass man den inneren Prozess, durch den sich die Lage ändern wird, nicht beschleunigen kann.

  • Arrangieren Sie befristete Strukturen. In der Phase eines Umbaus akzeptiert man z.B. eine Plastikplane als Zimmerwand. Diese vorübergehende Situation ist unbequem und unschön, aber sie gibt den nötigen Schutz, um in einem Raum zu leben, der umgebaut wird. Genauso ist es mit Situationen, in denen sich Menschen in Bezug auf ihre Beziehungen in einem Wandel befinden: Es geht für sie darum, Wege zu finden, wie es vorübergehend weitergeht, währenddessen die innere Arbeit weiter laufen kann. Das könnte eine vorübergehende Art und Weise beinhalten, sich damit zu beschäftigen, wie Pflichten und Ressourcen vergeben, gesammelt oder bereitgestellt werden, bis sich eine dauerhaftere Lösung entwickelt werden kann. Es kann auch ganz einfach bedeuten, sich zu entscheiden, die Situation, so wie sie ist, momentan zu akzeptieren und Energie hinein zu stecken.

  • Werden Sie nicht aktiv, nur um überhaupt aktiv zu sein. Die gegenwärtige Situation ist frustrierend, deshalb ist wahrscheinlich die Versuchung groß “etwas zu tun - irgendetwas“. Diese Reaktion ist verständlich, führt aber gewöhnlich eher zu noch mehr Schwierigkeiten. Der “Übergangsvorgang“ erfordert nicht nur, dass man ein Kapitel seines Lebens zum Abschluss bringt, sondern auch, dass man entdeckt, was man lernen muss, um den nächsten Entwicklungsschritt gehen zu können. Man muss dazu lange genug im Übergang selbst bleiben, um diesen wichtigen Prozess abschließen zu können und ihn nicht durch eine zu frühe, voreilige Aktivität abzubrechen.

  • Kümmern, sorgen Sie sich um sich selbst in den kleinen Dingen des Lebens. Jetzt ist wahrscheinlich nicht der Zeitpunkt, die eigenen Ideen von Größe und Bedeutung zu realisieren, es ist vielmehr die Zeit, kleine Übereinkünfte sorgsam aufrechtzuerhalten. Seien Sie aufmerksam für ihre eigenen kleinen Bedürfnisse und zwingen Sie sich keine Änderungen auf, als ob es Medizin wäre. Finden Sie und pflegen Sie die kleinen Beständigkeiten und Gewohnheiten, die immer dann wichtig sind, wenn sich alles andere zu verändern scheint.

  • Erkunden Sie die andere Seite der Veränderung. Einige der Veränderungen sind selbst gewählt, andere nicht und jede Art von Wandel hat seine eigenen Schwierigkeiten. Hat man eine Änderung nicht selbst gewählt oder angestoßen, gibt es Dutzende Gründe, sich zu weigern, die möglichen Vorteile zu sehen. – Denn sähe man auch die Vorteile, würde man seinen eigenen Ärger über all das konterkarieren, was einen zu der Veränderung gezwungen hat oder man müsste sich selbst eingestehen, dass die alte Situation vielleicht gar nicht so gut war, wie man es sich selbst gerne erzählt. Andererseits, wenn sie ihre Veränderung selbst gewählt haben, gibt es genauso viele Gründe, nicht den Preis oder die Belastung dieser Veränderung bedenken zu wollen, weil dies vielleicht Ihre Entschlusskraft schwächt oder Ihnen den Schmerz, den Sie durch ihren Wandel wiederum anderen Menschen zufügen, bewusst macht. So oder so, man muss die andere Seite der Situation erkunden.

  • Suchen Sie sich jemanden, mit dem sie reden können. Egal, ob Sie einen professionellen Berater oder einen guten Freund auswählen, Sie werden jemanden zum Reden brauchen, wenn Sie einen solchen Wandel durchstehen wollen. Was Sie hauptsächlich brauchen, ist nicht ein Rat, obwohl dies mitunter nützlich sein kann, sondern eher die Möglichkeit, ihre Zwangslage und ihre Gefühle in Worte zu fassen, sodass Sie selbst ein umfassenderes Bild entwickeln können und damit besser verstehen können, was gerade passiert. Hüten Sie sich vor den Zuhörern, die genau wissen, was sie tun sollten, aber seien Sie auch sich selbst gegenüber misstrauisch, wenn Sie sich dabei ertappen, dass Sie die Reaktionen ihres Gesprächspartners herunterspielen oder abwerten, sollte diese nicht mit ihren eigenen Vorstellungen übereinstimmen – besonders, wenn mehrere Personen in der gleichen Art und Weise auf ihre Ideen reagieren.

  • Verstehen Sie den Wandel als einen Prozess, den Status Quo zu verlassen, eine Zeit lang in einer ergiebigen, fruchtbaren Auszeit, einem Time-out zu leben, um dann mit einer Antwort wieder zurückzukommen. Der britische Historiker Arnold Toynbee wies darauf hin, dass Gesellschaften neue Energien und neue Richtungen nur nach einer “Zeit des Trouble“ zugänglich sind, welche einen Prozess von Auflösung beinhaltet, wodurch die alte Ordnung auseinander fällt. Er zeigte, wie sich eine neue Ausrichtung oft erst nach einem „Break“ und „Return“, wie er es nannte, auf Seiten der Menschen oder kreativen Minderheiten innerhalb der Gesellschaft herauskristallisierte. Die benötigte Umformung schien in einer Art Zwischenstadium oder außerhalb des normalen Rahmens der gewöhnlichen Abläufe stattzufinden. So ist es auch im Leben Einzelner: Dinge enden, dann verbringt man eine Zeit in einer neutralen Zone (Time–Out) und dann fangen Dinge erneut an. So war das Leben schon immer und so wird es auch immer sein. Sehen und nutzen Sie also die Zeit des Übergangs als eine Zeit der Erneuerung und Umstrukturierung.

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