1. Sich im Übergang befinden

Das Grundmuster

Der persönliche Stil, etwas zu beenden

Die jeweils eigene Art eines Neu-Beginns




Das Grundmuster

Je nachdem ob man eine Veränderung selbst angestoßen hat oder ob sie einem ungefragt zustößt, der Übergang vom Alten zum Neuen folgt einem Grundmuster. Sie kann langsam kommen, wie in dem Fall eines vielleicht lange beabsichtigten Jobwechsels, oder sehr schnell, wie bei einem Unfall mit Folgen für das eigene Leben.

Die Muster des Übergangs weisen, trotz aller Unterschiedlichkeit der Lebenssituation der Menschen, Parallelen auf, bezüglich dessen, was sie erleben: Erstens, etwas ist vorbei, beendet, abgeschlossen, zweitens gefolgt von einer Zeit, die geprägt ist von Verwirrung, Chaos und persönlicher Not, die drittens zu einem neuen Anfang führt.

Wie bereits unterschieden, gibt es einerseits Übergänge, die von dem Betreffenden selbst angestoßen werden, manchmal ohne dass dieser die gesamte Bedeutung bereits erkennt, und es gibt andererseits Übergänge, in die man eher unfreiwillig hinein gestoßen wird. Diejenigen, die sich für die Veränderungen entschieden haben, in deren Folge sie in einen Übergang hineingeraten, neigen dazu, die damit verbundenen Veränderungen eher in Kauf zu nehmen und die Verluste zu akzeptieren, vielleicht sogar zu ignorieren (z.B. ein Paar entscheidet sich zu einem Kind und erlebt die damit verbundenen Veränderungen positiv, weil die Partner mehr den persönlichen Gewinn als die damit verbundenen Verluste sehen).

Für diejenigen jedoch, die ohne es zu wollen oder gar gegen ihren Willen durch Veränderungen (z.B. durch einen Jobverlust, eine Trennung) in einen Übergang kommen, ist es oft sehr schwierig, sich darauf einzulassen, dass ein Neuanfang und damit eine neue Phase in ihrem Leben vor ihnen liegt. Sie können dabei zunächst nur den damit verbundenen Verlust sehen.

Die zweite grundsätzliche Erfahrung ist: Jeder Übergang beginnt mit einem Ende. Das Alte muss los gelassen werden, bevor das Neue ergriffen werden kann. Nicht nur äußerlich, mehr noch im Innern, wo die Verbindungen zu den Menschen, den Rahmenbedingungen des Lebens ihren Platz haben, die in Form der Identität als die Definition unseres Selbst dienen.

Erste Vorboten eines eher gleitenden, bevorstehenden Überganges lassen sich bisweilen daran erkennen, dass man sich immer wieder in einer Situation vorfindet, in der „Altes", "Gewohntes“ oder „Vertrautes“ seltsam fremd erscheint, sozusagen als „umgekehrtes Déjà-vu“. Vielleicht verstärkt sich das Empfinden, „etwas“ passt nicht mehr. Möglicherweise sieht man lang Vertrautes plötzlich aus einem ganz anderen Blickwinkel. Eine Zeit lang wird man weiter die gleichen Tätigkeiten, Handlungen ausführen, die gleichen Leute treffen, aber es ist nicht mehr dasselbe, weil man selbst ein Stück weit nicht mehr derselbe ist.

Bisweilen entdecken wir erst die Notwendigkeit zu einem Ende, wenn wir bereits eine Reihe der notwendigen, äußeren Veränderungen gemacht haben. Wir gehen eine neue Beziehung ein und merken erst dann, welche Bedeutung unsere alten Bande hatten.

Warum ist Loslassen so schwierig? Vielleicht weil "das alte Ding"  irgendwie zu uns gepasst hat, während das neue vielleicht noch als falsch oder nicht passend erscheint?

Wir bemerken diese unerwarteten Verluste deshalb so stark, weil wir uns während eines Übergangs in einem Ausmaß, wie wir es sonst selten wahrnehmen, mit den äußeren Umständen und Gewohnheiten unseres Lebens identifizieren. Dinge, Umstände unseres Lebens, die wir gar nicht mehr wahrgenommen haben, weil sie uns so vertraut geworden waren, stehen dadurch wieder im Fokus unserer Aufmerksamkeit. Das kleine, rote Feuerwehrauto, das schon lange achtlos in der Ecke lag, wird in dem Moment bedeutsam, in dem ein anderer versucht, es wegzunehmen. 

Das Bedürfnis, die Dinge unverändert zu lassen, ist stark, genauso stark ist aber auch das Bedürfnis einen Wandel herbeizuführen. Übergangssituationen bringen dieses Unvereinbare an die Oberfläche und zwingen uns, auf diese konträren Aspekte unseres Lebens zu schauen. 

Eine der Möglichkeiten, sich auf einen Übergang einlassen zu können, beginnt denn auch damit, überhaupt anzuerkennen, dass das Loslassen positiv betrachtet eine zwiespältige Erfahrung ist. Die Ambivalenz am Beginn eines Wandels ist groß und verdient wertgeschätzt zu werden. Diese Haltung führt dazu, Übergänge in ihren unterschiedlichen Phasen in einem neuen Licht zu sehen und neue Fähigkeiten für die risikoreiche Passage durch das Niemandsland zwischen alter und neuer Lebenssituation zu entwickeln.
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Der persönliche Stil, etwas zu beenden

In einem ersten Schritt geht es darum, mehr über die spezielle eigene Art und Weise herauszufinden, in der man selbst Beendigungen gestaltet. Eine Möglichkeit, dies zu tun, besteht darin, sich im Rückblick die Beendigungen im eigenen Leben vor Augen zu führen.

Gehen Sie dazu in ihrer Erinnerung zurück bis in die frühe Kindheit und erinnern Sie sich an die ersten Erfahrungen ihres Lebens mit Beendigungen, d.h. mit Situationen oder Punkten, an denen etwas zu Ende war. An welche Beendigungen in ihrem Leben erinnern Sie sich? An welche noch? Sammeln Sie in einem ersten Schritt einfach eine Aufzählung von selbst erlebten Beendigungen, d.h. von Lebenssituationen, in denen entweder Sie selbst etwas beendet haben oder etwas durch Andere oder bestimmte Umstände beendet wurde. Vielleicht gibt es einen für Sie typischen Stil mit Beendigungen umzugehen.

Indem Sie sich an Reaktionen, an Strategien und Muster erinnern, die mit diesen Beendigungen einhergingen, werden Sie wahrscheinlich oder vielleicht feststellen, dass einige dieser früheren Haltungen, Einstellungen und Gefühle immer dann wieder wach werden, wenn etwas im eigenen Leben zu einem Ende kommt. In jede neue Übergangssituation bringt man möglicherweise seine bisherigen Erfahrungen mit Beendigungen ein.

Der bevorzugte persönliche Stil kann z.B. Kindheitserfahrungen aus der eigenen Ursprungsfamilie wieder spiegeln, da in Übergängen, die eine gesamte Familie betreffen, die Familienmitglieder mit unterschiedlichen Aufgaben „beauftragt“ werden, bzw. aus Loyalität unterschiedliche Aufgaben übernehmen: So fühlt zum Beispiel ein Familienmitglied all die Trauer und Angst für alle anderen, ein anderes tröstet den Leidtragenden, wieder ein anderes übernimmt die Routine und die Verantwortlichkeiten, um das Leben aufrecht zu erhalten, und ein ganz anderes tut vielleicht ganz konsequent so als sei „alles unter Kontrolle“.

Vielleicht haben Sie auch irgendwann in Ihrem Leben den Stil eines anderen aufgenommen, ihn kopiert und auf die eigene Situation übertragen?

Wenn Sie die eigenen Erfahrungen mit Beendigungen vor Ihrem inneren Auge Revue passieren lassen, was können Sie darüber sagen, wie Situationen zu einem Abschluss kommen? Abrupt, langsam, Schritt für Schritt? Verhalten Sie sich eher aktiv oder passiv? Gehen Beendigungen auf Ihre eigene Initiative zurück oder passieren sie mehr mit Ihnen? Gibt es eine typische Erfahrung jeweils vor einem Übergang? Es gibt eine dritte grundsätzliche Erfahrung mit und in Übergängen: Auch wenn man vom Verstand her weiß und versteht, was es mit Wandel auf sich hat, und sich bereits mit dem eigenen Stil beschäftigt hat, in dem man etwas beendet, so wird vielleicht doch ein anderer Teil in einem selbst diesem Verstehen und der damit verbundenen Erkenntnis Widerstand leisten, als ob das Leben davon abhängen würde.

Allein der Prozess des Sammelns von Übergangs-Erinnerungen in der eigenen Vergangenheit kann den Teil aktivieren, der am Bestehenden festhalten möchte, und es erschweren, vergangene Beendigungen in der eigenen Lebensgeschichte überhaupt zu erkennen. Dadurch wird es auch schwierig die charakteristische Art und damit auch die eigenen Ressourcen zu erkennen, mit Beendigungen umzugehen. 

Möglicherweise können dann andere, harmlosere Fragen zu interessanten Antworten führen: Wie beenden Sie gewöhnlich einen Abend in Gesellschaft oder auf einer Party? Schieben Sie das Ende hinaus oder gehen Sie schnell und plötzlich. Verabschieden Sie sich von jedem oder verdrücken Sie sich heimlich. Andere Beispiele wären: Umzüge, Jobwechsel. Sowohl der, der früh geht, wie auch der, der bis ganz zum Schluss bleibt, vermeidet, selbst ein Ende zu machen und umgeht damit auch das Unbehagen, das mit dem Brechen einer Kontinuität im Lauf der Dinge einhergeht.

Beendigungen sind immer die erste Phase eines Übergangs. Die zweite ist eine Phase, in der eine Zeit des Verlorensein und der Leere folgt, bevor das Leben wieder eine bestimmte Form und Richtung gewinnt. Die dritte Phase ist die eines Neu-Beginns.
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Die jeweils eigene Art eines Neu-Beginns

Jeder Mensch hat auch seine eigene Art und Weise, Dinge zu beginnen. Indem Sie, wie bei dem Thema „Beendigungen“, über Ihre eigene Geschichte von Ihrer Kindheit an nachdenken, werden Sie mehr darüber erfahren. Stellen Sie sich vor, sie schreiben einen Bericht über ihr Leben. An welchen Stellen könnten sie schreiben: Ein neues Kapitel in meinem Leben wurde aufgeschlagen?

Die vierte grundsätzliche Erfahrung ist: Zuerst ist etwas zu Ende, erst darauf folgt ein Neubeginn und eine wichtige, leere oder (scheinbar) untätige Zeit dazwischen. So ist auch der Lauf der Dinge in der Natur: Das Fallen der Blätter, der Winter, in dem scheinbar alles ruht und dann wieder das Grün aus dem braunen Holz.

Häufig ist Angst ein Grund dafür, diesen 3-phasigen Prozess umzukehren, so dass wir mit dem Neuanfang beginnen möchten, erst dann die Beendigung wagen und dann … dann irgendetwas folgen lassen? (Wie am Trapez, wenn der Artist versucht, schon die neue Stange zu greifen, bevor er die alte überhaupt los gelassen hat. Aber er muss zuerst die eine loslassen, bevor er überhaupt die andere ergreifen kann.) Der Nutzen, den wir aus der Betrachtung unserer früheren Erfahrungen mit Beendigungen ziehen können, besteht darin, zu erkennen, wie häufig diese den Boden für unerwartete, überraschende Neuanfänge bereitet haben.

Erinnern Sie sich auch an Übergänge in ihrer Vergangenheit, auf die kein wirklicher Neubeginn gefolgt ist, die vielleicht abgebrochen wurden. Beschäftigen sie sich mit ihnen, so wie sie vielleicht ein altes Haus erforschen, in dem sie einmal gelebt haben. Einige dieser unvollendeten Übergänge könnten vielleicht jetzt abgeschlossen werden.

Die Bedeutung der Auswirkungen eines Übergangs hat nicht notwendigerweise etwas mit der Bedeutung der Umstände zu tun, die diesen ausgelöst haben. Während jemand vielleicht mit einer Trennung von einem Partner gut zurechtkommt, wird dieser Mensch durch den Tod eines Haustieres völlig aus der Bahn geworfen.

Und eine Veränderung, die die meisten als vorteilhaft bezeichnen würden (z.B. ein beruflicher Aufstieg), kann das Leben eines Menschen komplett über den Haufen werfen, wie man dies sonst vielleicht nur von einem Todesfall, einer Katastrophe oder einer anderen „schlechten“ Veränderung erwarten würde. Machen sie es sich so deutlich und klar, wie sie können, welche Ereignisse haben z.B. im letzten Jahr Veränderungen in ihr eigenes Leben gebracht? Und in welchen Lebensbereichen sind Veränderungen deutlich geworden?

Hier einige Beispiele:

  • Beziehungen (z.B. Trennungen, Bruch einer Beziehung, neue Beziehung, Todesfall, Umzug selbst oder andere und dadurch Verlust des Umfeldes, Kinder verlassen das Haus…)
  • Lebensumstände (z.B. Heirat, Geburt eines Kindes, Eintritt ins Rentenalter (selbst oder Partner), im Beruf, Umbau, eine Depression, Krankheit, alles, was den Inhalt oder die Qualität des eigenen Lebens beeinflusst)
  • Persönliche Veränderungen (z.B. Krankheit und Gesundung, Erfolg, Misserfolg, Essgewohnheiten, Schlaf, Sexualität, Lebensstil)
  • Arbeit und Finanzielles (z.B. Kündigung, Eintritt in den Ruhestand, in eine Ausbildung, Jobwechsel, Mehrarbeit, Umorganisation in der Firma, Gehaltskürzung, -steigerung, Kredit oder Hypothek aufnehmen, Karrierestopp)
  • Innere Veränderungen (z.B. eine spirituelle Erfahrung, soziales oder politisches Engagement, psychologische Einsicht und Entwicklung, Veränderungen im Selbstbild, in den eigenen Werten, die (Wieder-) Entdeckung eines Traums)

  • Kleine Veränderungen können große Auswirkungen und auch umgekehrt große Veränderungen manchmal nur kleine Auswirkungen nach sich ziehen. Zusammenfassend kann man feststellen, dass es Zeiten im Leben jedes Menschen gibt, die in mehr als nur einem quantitativen Sinne (d.h. von mehr oder weniger von etwas) einen bedeutungsvollen Übergang markieren. An diesen Punkten handeln wir – ganz für uns und entsprechend unserem eigenen inneren Fahrplan - ähnlich, wie dies die Menschen in den alten Stammesgesellschaften einst entsprechend einem vorgegebenen, rituellen Ablauf getan haben: Wir durchlaufen einen Übergangs-Prozess zwischen zwei Lebensphasen in einem Muster von symbolischem Tod und Wiedergeburt.
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